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Trotz Brexit: Sie schmettern Chöre

Sebastian Borger, London
Sebastian Borger, London
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Engländer und Engländerinnen sind ihrer Natur nach Anarchisten; das bringt das Wetter mit sich. Studieren lässt sich dies beim Umgang mit der Musik. Seit ich die Aufnahmeprüfung bei einem ambitionierten Londoner Kammerchor gewagt hatte, staune ich über die Kaltblütigkeit, mit der man sich auf der Insel den Achttausendern des Chorgesangs nähert. Wo ein Ensemble in der Heimat wochenlang an «Kommt Ihr Töchter», dem Eingangschor der Matthäus-Passion, feilt, genügen Engländern fünf Proben, um das gesamte Werk zu stemmen.

Man singt drauflos, getragen von nichts als schöner Hoffnung und der Gewissheit, dass in jeder Stimme einige Sänger das Werk kennen. Zudem haben Albions Recken und Albions Rosen von klein auf gelernt, vom Blatt zu singen. Und schliesslich sind sie eher bereit, Risiken einzugehen.

«Haltet euch nicht an den Noten auf», rief unser Dirigent einmal und meinte das nicht ironisch: Auf Zusammenklang, Rhythmus, Dynamik kommt es beim Proben an. Die einzelnen Noten lernt man zu Hause, hoffentlich. Mir geschah es eines Abends, dass mein bis dahin raubauziger Nebensänger sich plötzlich lächelnd an mich wandte mit der Feststellung: «Sie haben ja geübt!» Oje, dachte ich, wie muss ich in den vorhergehenden Proben geklungen haben?

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