Wochenkommentar
Terror in Brüssel: Die neue Ernsthaftigkeit im Umgang mit Sicherheit

Nicht schon wieder! Das war am Dienstag bei vielen Menschen der erste Gedanke. Im November Paris, jetzt Brüssel – 31 Tote, rund 300 Verletzte.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Trauer in Brüssel: «Es könnte jeden treffen»

Trauer in Brüssel: «Es könnte jeden treffen»

Die Ereignisse wiederholen sich – Wut, Entsetzen, Hilflosigkeit und ein Treffen der EU-Innenminister, bei welchem alte Forderungen bekräftigt wurden. Es geht um mehr Austausch von Daten, bessere Zusammenarbeit der Geheimdienste, Geld für Sicherheit und Terrorabwehr. Einmal mehr!

Bewundernswert war die Besonnenheit der Bürger von Brüssel. Demonstrativ rasch kehrten sie zum Alltag zurück, um eben gerade nicht mitzuhelfen, das Ziel der Terroristen zu erreichen, die unsere Gesellschaft destabilisieren wollen. Europa befindet sich seit einiger Zeit im permanenten Krisenmodus, der einzelne Mensch jedoch kann nicht im Dauerschock leben; er gewöhnt sich an alles, auch an die Bedrohung, und so machen sich Abstumpfungserscheinungen bemerkbar. Die Betroffenheit ist bei vielen nicht mehr so hoch wie nach den Attentaten von Paris. Brüssel war rasch wieder aus den sozialen Medien verschwunden, auch auf dem Online-Portal dieser Zeitung sank das Interesse bereits einen Tag später rapid; ein Prozess über einen Wildschwein-Töter zum Beispiel erreichte ein Vielfaches an Beachtung.

Einerseits verbietet es der Respekt gegen über den Opfern, dass man einen Terroranschlag achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Anderseits ist es ein gutes Zeichen, wenn eine Gesellschaft nicht in Panik verfällt, auch wenn wir wissen: Es kann jeden jederzeit und überall treffen – auch in der Schweiz. Nicht auszudenken, wenn ein Anschlag wie in Brüssel in Basel, Zürich oder Bern passieren würde. Ausschliessen kann man es nicht.

Die Schweiz ist gefährdet wie alle westlichen Länder

Was die Terrorgefahr betrifft, sind wir keine Insel der Glückseligen. Erstens, weil es jedes westliche Land treffen kann. Zweitens, weil wir nicht wissen, ob die Verurteilung von drei IS-Mitgliedern durch das Bundesstrafgericht in Bellinzona vor einer Woche eine Gegenreaktion auslöst. Bundesanwalt Michael Lauber sagte im «Tages-Anzeiger»: «Die Polizeikorps verstärken derzeit die Kontrollen, und das Dispositiv der Grenzwachtkorps wurde angepasst. Für die Schweiz bleibt die Bedrohungslage hoch.»

Das ist punkto Terrorgefahr derzeit das Augenfälligste: Die Polizei ist deutlich präsenter. Nicht nur an Flughäfen und rund um die internationalen Organisationen in Genf. Sondern auch an Bahnhöfen, vor Einkaufszentren und in Stadtzentren der Nordwestschweiz sind vermehrt Polizeipatrouillen mit Sturmgewehren zu beobachten. Auch an deren Anblick gewöhnt man sich erstaunlich rasch.

Generell ist eine neue Ernsthaftigkeit im Umgang mit Sicherheit festzustellen, auch in unserer Schweizer Milizarmee. Radio SRF macht diese Woche publik, dass die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt wurden. Kasernen, Übungsplätze und Materiallager werden abgeriegelt. In der Stadtkaserne Aarau führen Soldaten Zutrittskontrollen durch, während bis vor kurzem jeder hineinspazieren konnte. In Brugg wurde das Armee-Areal eingezäunt. Solche Massnahmen galten nach Ende des Kalten Krieges als unnötiger Leerlauf, weil ohnehin niemand böse Absichten hegen würde.

Einsätze der Armee werden wieder ernst genommen

Von Soldaten, die im Januar am WEF in Davos im Einsatz standen, hört man, dass ein neuer Geist wehte. In diesem Jahr war sich jeder bewusst, dass tatsächlich etwas passieren könnte, während dies früher im Bereich des Undenkbaren lag und sich mancher fragte, warum er sich stundenlang an irgendeinem Wachtposten die Beine in den Bauch stehen musste.

Der abtretende Armeechef André Blattmann musste sich 2010 Panikmache vorwerfen lassen, weil er vor Unruhen in Europa und vor Migrationsströmen warnte. Inzwischen ist genau dies eingetroffen. Diese Woche rechnete Blattmann vor, dass die Armee jederzeit über 2300 einsatzfähige Soldaten verfüge und bei Bedarf mehr mobilisieren kann – für die Sicherung heikler Einrichtungen oder für Einsätze an der Grenze. Jetzt gibt es für solche Überlegungen keine Kritik mehr.

Morgen feiert die christliche Welt Ostern, das Fest der Hoffnung. Hoffnung und Zuversicht sind die richtigen Ratgeber gerade in schwierigen Zeiten. Gleichzeitig sollten wir uns wieder bewusst werden, wie brüchig unsere Sicherheit ist, wie rasch die Situation ernst werden kann. Vorsorge lohnt sich. Wie recht der abtretende Armeechef doch hatte.