Analyse
Syngenta, Actelion, Clariant: Fusions- und Übernahmewelle hat die Nordwestschweiz voll erwischt

Stefan Schuppli
Stefan Schuppli
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Der Basler Pflanzenschutz- und Saatgut-Produzent Syngenta fällt zum letztmöglichen Termin definitiv in chinesische Hände: ChemChina hat das Angebot insgesamt sieben Mal verlängert.

Der Basler Pflanzenschutz- und Saatgut-Produzent Syngenta fällt zum letztmöglichen Termin definitiv in chinesische Hände: ChemChina hat das Angebot insgesamt sieben Mal verlängert.

KEYSTONE/PATRICK B. KRAEMER

Die aktuelle Fusions- und Übernahmewelle hat auch die Nordwestschweiz nicht unberührt gelassen: In den vergangenen Monaten wurden Firmen mit einem Börsenwert von gegen 100 Milliarden Franken fusioniert oder übernommen. Der Agrokonzern Syngenta kommt in chinesische Hände, die Allschwiler Actelion geht an den US-Konzern Johnson&Johnson, Clariant fusioniert mit der texanischen Huntsman. Ihnen gemeinsam ist, dass es alle relativ junge Firmen sind: Clariant wurde 1995 als Spezialchemie-Firma von der damaligen Sandoz abgetrennt und verselbstständigt.

Syngenta fand nach der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy keinen Platz bei Novartis. Die Agrosparte wurde im Jahr 2000 abgetrennt und mit dem britischen Pendant von Astrazeneca fusioniert.

Es war schon damals klar, dass der Pharmabereich eine viel grössere Dynamik entwickeln würde, und die Firmenverantwortlichen wollten nicht, dass Bereiche mit schwachen Margen die Gewinne von Pharma verdünnen. Es war eine Reverenz an die Aktionäre. Pharma entwickelte sich tatsächlich enorm, aber die Chemieindustrie blieb auf der Strecke. Es wurden Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut oder verlagert. In Basel verschwand die Industrie, mit der die Firmen in den Nachkriegsjahren gross geworden waren, nahezu vollständig. Selbst die Forschung wurde verlagert. Die neuen Anlagen von Bayer Crop Sciences in Schweizerhalle und das Forschungszentrum von Syngenta in Stein sind eher die Ausnahmen. Eine Firma verschwand ganz von der Bildfläche: die Ciba Spezialitätenchemie.

Bei Actelion verhält es sich anders

Anders gelagert ist der Fall der 1997 gegründete Actelion. Die Firma war zwar auch ein Spin-off, (diesmal von Roche), aber sie war ein klassisches ForschungsStart-up. Nach vier Jahren kam das erste Produkt (Tracleer gegen Lungen-Bluthochdruck), der Boden für eine grosse Erfolgsgeschichte war gelegt. Für 30 Milliarden kaufte Johnson&Johnson die entwickelten Actelion-Präparate (und solche, die in der späten Phase der Zulassung sind). Gleichzeitig wurde das neue Start-up «Idorsia» gegründet, mit rund 650 Mitarbeitenden und der sagenhaften Finanzreserve von einer Milliarde Franken. Die «alte Tugend» war also gerettet, mehr noch: Es könnte ein Actelion-Erfolg dupliziert werden. Ein Börsengang ist auf gutem Wege. Die Firma befasst sich mit Präparaten in der frühen klinischen Entwicklung.

Das wichtigste Erfolgskriterium ist die Innovation. Der US-Ökonom Clayton Christensen unterscheidet drei Arten von Innovation, erstens die der Effizienz, zweitens die der Qualität, drittens die der Disruption, die völlig andere Wege einschlägt als die bisherigen. Brüche kommen also nicht nur von Zusammenschlüssen und Aufsplittung von Firmen, sondern von neuen Technologien selbst. Das wird gerade auch Start-up-Firmen Chancen bieten.

Die grosse Frage

Die Frage ist nun, wie die heutigen in der Weltklasse-Liga spielenden Firmen wie Roche, Novartis und Idorsia/Actelion mit den kommenden Disruptionen in ihrer Branche fertig werden. Die personalisierte «Precision Medicine» erfordert höchste Kompetenz in der Datenverarbeitung. Gleichzeitig werden sich die Geschäftsmodelle anpassen müssen: Medikamente wie etwa Avastin, die mehrere Milliarden Franken Umsatz generieren, dürften seltener werden.

Niemand weiss heute genau, wie sich der kommende Strukturwandel vollziehen wird. Etwa nach dem nicht sehr innovativen Muster Clariant-Huntsman, die vielleicht etwas Kosten sparen helfen? Oder nach dem Muster Syngenta, die im Prinzip eine geografische Expansion darstellt?

Dramatische Verschiebung

Die Gewichte der Welt-Grosskonzerne haben sich dramatisch verschoben. In den vergangenen vier Jahren haben Internetfirmen wie Amazon, Google, Microsoft, Facebook und Alibaba die Pharmariesen Roche und Novartis punkto Börsenwert abgehängt. Rein theoretisch könnten sie den Kauf der Basler Branchenperlen mit ihrer Portokasse finanzieren. Amazon bringt 480 Milliarden auf die Waage, Microsoft knapp 540 und Google Alphabet 600 Milliarden Dollar. Roche ist 225 und Novartis 185 Milliarden wert. Vor zehn, fünfzehn Jahren war Google ein Start-up.

«Der nächste Pharmagigant heiss vielleicht Google», sagte Domenico Scala, Präsident der Basler Standort- und Innovationsförderung Baselarea, kürzlich an einem Podium. Dieses fand übrigens in Allschwil statt. Bei Actelion. Und wenige Meter entfernt vom jetzt entstehenden Swiss Innovation Park.

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