Kommentar
Sprache und Beruf verzahnen

Esther Girsberger
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Mathe top, Lesen Mittelmass. So schneiden Schweizer 15-Jährige in der PISA-Studie ab. (Symbolbild)

Mathe top, Lesen Mittelmass. So schneiden Schweizer 15-Jährige in der PISA-Studie ab. (Symbolbild)

KEYSTONE/AP/JOHANNES SIMON

Wieder einmal schreckt die internationale Studie Pisa auf. 20 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in der Schweiz verfügten nach der obligatorischen Schulzeit nicht mal über Grundkenntnisse und verstünden die einfachsten Texte nicht, entsetzen sich Behörden, Schulen und Eltern. Am wenigsten schockiert das die Betroffenen selbst, die Jugendlichen.

Dabei würde es durchaus Sinn machen, auf sie zu hören, sofern sie die Ergebnisse mit mehr als einem Schulterzucken kommentieren: «Die Bücher, die wir lesen, interessieren nicht. Ich sehe nicht ein, warum ich Dürrenmatt lesen soll – wofür? Was ich im Deutschunterricht lerne, kann ich in anderen Ländern nicht umsetzen.» Das sind nur einige Aussagen, die wir von Kindern immer wieder zu hören bekommen.

Manche dieser Argumente überzeugen uns Eltern nicht, andere hingegen bei einer kritischen Betrachtung schon. An Schulbesuchen stellen wir nicht selten fest, dass der Transfer des im Deutschunterricht Erlernten tatsächlich nur diejenigen Schülerinnen und Schüler zu fesseln vermag, die ohnehin eine Faszination zur deutschen Sprache haben. Der Praxisbezug fehlt, was in einer digitalen Welt, die sich auf Kürzestzeichen und -botschaften oder Audiovisualität beschränkt, erst recht problematisch ist.

Schon aus der Zürcher Lernstands-Erhebung aus dem Jahre 2012 ging hervor, dass rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulzeit über unzureichende Deutschkenntnisse verfügen. Es kann also nicht allein an der allenfalls fraglichen Pisa-Befragungsmethode 2015 liegen, dass das Resultat so schlecht ausfällt. Während einleuchtet, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund bzw. aus bildungsfernem Elternhaushalt es besonders schwer haben, ist der Befund bei jungen Männern und Frauen, die in anderen Verhältnissen aufgewachsen sind, weniger verständlich.

Alarmierend ist dies vor allem für jene Jugendlichen, die nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehre absolvieren. Wir brüsten uns ja damit, dass unser duales Bildungssystem in der ganzen Welt Schule machen sollte. Wenn aber die Anforderungen in der Berufsbildung an die Deutschkompetenz der Jugendlichen, gemessen an den nationalen Bildungsstandards, bei rund 41 Prozent der Berufe hoch, bei rund 50 Prozent immerhin noch mittelhoch sind, muss man über die Bücher. Sprachförderung ist dann wirksam, wenn sie sich an berufsspezifischen Inhalten und Kommunikationssituationen orientiert, fächerübergreifend und kontinuierlich durchgeführt wird und einen engen Bezug zur späteren Berufspraxis hat. Das müsste nicht
nur während der obligatorischen Schulzeit gelten, sondern vor allem danach: Die Förderung
der Sprachkompetenz muss zur verbesserten mündlichen und schriftlichen Verständigung in Berufssituationen führen und deshalb eng mit der unmittelbaren Tätigkeit verknüpft werden.

In erster Linie sollte enger koordiniert werden. Das heisst unter anderem, dass die Förderung der Deutschkenntnisse in den vorbereitenden Angeboten und an den Berufsfachschulen an die Massnahmen zur Standortbestimmung und Förderung der obligatorischen Schulzeit anschliessen – und zwar fächerübergreifend und kontinuierlich. Dabei sind auch die Lehrkräfte in die Pflicht zu nehmen, indem die Verantwortlichen der betrieblichen und berufsfachlichen Bildung sensibilisiert, sprich, besser ausgebildet werden. In Singapur, so lesen wir im Nachgang zur Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse 2016, seien Politik und Praxis stark verzahnt. Lehrkräfte seien entscheidend am Design des Unterrichts beteiligt. Was allerdings voraussetzt, dass auch sie verstehen, was sie lesen bzw. ihnen der Transfer ihres Unterrichts auf die Bedürfnisse der Lehrbetriebe besser als bis anhin gelingt.

Mit der Integrationsvorlehre wird im Berufsbildungssystem einiges für Jugendliche mit Migrationshintergrund getan. Das Staatssekretariat für Migration unterstützt ab 2018 während mindestens vier Jahren diese Vorlehren in den Kantonen. Das bedingt, dass Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen eine Landessprache lernen. Das Vorgehen ist richtig. Nur müsste – wie in anderen Bereichen auch – zwar nicht gerade ein strikter Inländervorrang gelten. Aber man darf nicht vernachlässigen, dass viele Jugendliche, die in der Schweiz geboren und die hiesigen Schulen vom Kindergarten bis zum Abschluss absolviert haben, ebenfalls an markanten Sprachdefiziten leiden. Auch sie brauchen offenbar Unterstützung. Und nicht zu knapp.

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