Glamour mon amour
Sorry, Fussballfreunde – liebt mich bitte trotzdem!

Simone Meier
Simone Meier
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Normalerweise bin ich keine, die Arbeit vor sich herschiebt. Die lieber dreimal die Wohnung saugt und die Wäsche in Häufchen von 40, 35 und 30 Grad einteilt, bevor sie sich endlich an den Computer setzt. Ich prokrastiniere nicht. Bis jetzt. Bis zu dieser Kolumne. Weil die Redaktion sagte: «Etwas zum Thema Fussball wäre schön. Glamour und Fussball und so.» Ich sagte: «Klar.» Und wusste schon: Das kommt nicht gut.

Bei mir ist es so: Ich sitze offenen Auges vor dem Fernsehen, sehe, da läuft Fussball, aber eigentlich sehe ich nichts. Jedes Gefühl hat sich schlafen gelegt oder liegt bereits in Form nicht mehr wahrnehmbarer Kompostkrümel unter dem grünen Rasen. Mein Herzschlag setzt aus vor lauter Langeweile. Ich weiss, dass in exakt diesem Moment so ziemlich restlos alle meine Freunde davon gerade existenziell betroffen sind. Fussball macht sie zu Poeten voller Passion, ihr Gedächtnis verändert sich, wird leistungsfähiger als der smarteste Computer. Jeder erinnert sich an jedes Tor aus seiner ganzen Kindheit! Sie spüren jeden einzelnen Torschützenmuskel, den bitteren Speichel der Niederlage, die Träne des Triumphs, gegen die ein Trainer-Auge machtlos ist. Ihre Seelen sind Landkarten einer Obsession. Einer einzigen. Wenn sie Beziehungen führen würden, wie sie Fussball verehren, die Liebe müsste ganz neu definiert werden, jedes Gedicht, jeder Roman, der bisher darüber geschrieben wurde, wäre wertlos, wäre viel zu klein empfunden. Was ist «Madame Bovary» gegen den Meistertitel von YB? Überhaupt: «Madame Bovary», ist das eine französische Tee-Marke, oder was?

Ich möchte mit meinen Freunden mitfühlen. Kann ich aber nicht. Sorry, Freunde, liebt mich bitte trotzdem. Aber egal. Das war nicht der Auftrag. Prokrastiniere ich gerade? Glamour und Fussball war der Auftrag. Ein Thema, das sich in einer einzigen Gestalt in diese Kolumne schleichen will. In Gestalt der «Spielerfrau». Die Spielerfrau wurde erfunden, weil der Fussballer selbst ein tendenziell wortkarger Schwerarbeiter ist und keine Zeit hat, sich in den People-Magazinen Dutzender TV-Sender zu verwirklichen. Seine Gespielin dagegen sitzt wie ein Frau gewordener Plastik-Weihnachtsbaum auf der Tribüne und liefert ein gut gelauntes Dauerplappern zu jedem Thema, das dem Fernsehen gerade einfällt – egal ob Mode, Haustiere, Rassismus, Familienplanung oder Diät. Ihr Glanz ist der einer Torstange nach dem Löschen der Flutlichtanlage. Gelegentlich wird eine von ihnen ausgewechselt, dann gibt sie dramatische Interviews zur grössten Niederlage ihres Lebens oder lässt sich karitativ für einen Kalender fotografieren, in dem sie Kleider trägt, die ganz aus Schokolade gemacht sind. Es ist so unfair: Da die ganz grossen, weltromantischen Gefühle für Männer, hier das Banalitätenkabinett einer Cathy Hummels oder wie Spielefrauen eben so heissen, für mich.

Dann schau doch Frauenfussball!, hör ich schon das übliche Gemotze. Könnte ich natürlich. Ist am Ende aber halt auch: Fussball.

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