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Sonnenfinsternis: Frau Lüscher ist enttäuscht

Die Sonnenfinsternis hat teilweise grosse Erwartungen ausgelöst. Auch bei Frau Lüscher. Deswegen hat sie sich bei unserem Kolumnisten gemeldet.

Jörg Meier
Jörg Meier
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Die partielle Sonnenfinsternis vom Freitag, 20. März 2015, aufgenommen in Sion.

Die partielle Sonnenfinsternis vom Freitag, 20. März 2015, aufgenommen in Sion.

Keystone

Frau Lüscher hat wieder angerufen. Wegen der Sonnenfinsternis. Sie habe sich das eindrücklicher vorgestellt, sagte sie. Sie sei pünktlich auf dem Balkon gestanden und habe dann vorsichtig zur Sonne hochgeblinzelt. Sie habe gelesen, dass man erblinden könne, wenn man länger als drei Sekunden direkt in die Sonne schaue.

Nein, eine Sonnenfinsternisbrille habe sie leider nicht mehr ergattern können. Also, ehrlich gesagt, habe sie gar nichts von der Sonnenfinsternis mitbekommen. Auch viele Nachbarn hätten das bescheidene Schauspiel auf ihren Balkonen mitverfolgt.

Immerhin wisse sie jetzt, dass die Wohnung im dritten Stock vis-à-vis doch vermietet sei. An ein älteres Paar. Vielleicht seien die schon pensioniert, dass sie an einem gewöhnlichen Freitagmorgen beide auf dem Balkon stehen und Zeit für eine Sonnenfinsternis haben.

Sie habe auch alle elektrischen Geräte ausgeschaltet, bevor sie auf den Balkon getreten sei, erzählte Frau Lüscher. Sie habe nämlich gelesen, dass man einen generellen Stromausfall befürchte, wenn die Sonne plötzlich weg sei. Es sei dann aber nichts passiert. Eine ziemlich langweilige Sache, diese Sonnenfinsternis. Die Medien hätten wieder so viel Lärm gemacht. Und dann dies.

Ich sagte ihr, ich sei die falsche Adresse für ihre Beschwerde. Ich persönlich könne nichts dafür, dass die Sonnenfinsternis so unspektakulär und enttäuschend ausgefallen sei. Trotzdem fühlte ich mich auf einmal mitverantwortlich – ich fühle mich oft verantwortlich für Dinge, die mich eigentlich nichts angehen – und ich versuchte, Frau Lüscher etwas aufzumuntern: Eigentlich sei es doch tröstlich, dass es heutzutage noch möglich ist, dass Millionen von Menschen von Schwaderloch bis Usbekistan gleichzeitig und erwartungsvoll zur Sonne aufschauen. Das wird ein wunderbarer Frühling werden.