Der Fall Zollinger
So wacklig ist unser Milizsystem

SVP-Politiker Thomas Zollinger hat seinen Auftritt als Pro-Ecopop-Redner am Kantonalparteitag abgesagt. Aus Angst, zwischen Politik und Beruf aufgerieben zu werden. Ein Kommentar über den Fall, der stellvertretend für die Gefahr unseres Milizsystems steht.

Fabian Hägler
Fabian Hägler
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Ecopop-Befürworter Thomas Zollinger bekam kalte Füsse.

Ecopop-Befürworter Thomas Zollinger bekam kalte Füsse.

ZVG/Keystone

Früher war ein bürgerliches Parteibuch praktisch Voraussetzung, um bei Grossfirmen Karriere zu machen. Dies hat sich in den vergangenen Jahren markant geändert: Heute wünschen sich viele Unternehmen Mitarbeiter, die sich voll auf ihren Beruf konzentrieren. Umgekehrt verzichten ambitionierte Fachleute zunehmend auf ein Engagement in der Politik, um im Job nichts zu verpassen - oder ja nicht anzuecken.

Der Fall des SVP-Politikers Thomas Zollinger zeigt, wie schmal der Grat geworden ist für jene, die alles unter einen Hut zu bringen versuchen. Seine Arbeitgeberin, die Aargauer Kantonalbank, betont zwar glaubwürdig, dass ihre Mitarbeiter völlig frei seien, sich politisch zu engagieren. Trotzdem hat Zollinger als Befürworter der Ecopop-Initiative jetzt kalte Füsse bekommen und will nicht mehr auftreten am SVP-Parteitag. Aus Angst aufgerieben zu werden zwischen Politik und Beruf.

Diese Entwicklung ist gefährlich. Wenn sich Berufsleute nicht mehr zutrauen, nebenbei zu politisieren, ohne sich die Finger zu verbrennen, ist unser Milizsystem in Frage gestellt. Die Alternative wären Berufspolitiker. Doch damit ginge die Bindung der Parlamentarier zur Arbeitswelt verloren.

Um das Milizsystem zu erhalten, sollten gerade Grossfirmen ihren Angestellten ein politisches Engagement nicht nur ermöglichen, sondern fördern. Nur so ist gewährleistet, dass ein möglichst breiter Querschnitt der Bevölkerung im Parlament vertreten ist.