Kinderheim in Hermetschwil
Sexuellen Missbrauch beim Namen nennen

Ein Missbrauchsopfer geht nach jahrelangem Schweigen an die Öffentlichkeit. Der damalige Heimleiter distanziert sich. Der Kommentar.

Noemi Lea Landolt
Noemi Lea Landolt
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Missbrauchsopfer Andreas Santoni hat sein Schweigen gebrochen – vor 40 Jahren lebte er im Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil.

Missbrauchsopfer Andreas Santoni hat sein Schweigen gebrochen – vor 40 Jahren lebte er im Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil.

Chris Iseli

Der Pfarrer hat Andreas Santoni sexuell missbraucht. Vor 40 Jahren. Damals lebte er im Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil. Letzte Woche hat Andreas Santoni seine Geschichte erzählt. Die Verantwortlichen des Kinderheims haben sich entschuldigt.

Sie bedauern, dass die damaligen Verantwortlichen nicht in der Lage waren, die Kinder vor Übergriffen zu schützen. Der Schritt an die Öffentlichkeit ist mutig. Sagen, was Sache ist. Dazu stehen, dass Kinder missbraucht wurden. Es macht das erfahrene Leid nicht ungeschehen. Aber es führt im besten Fall dazu, dass alle genauer hinschauen und Opfer sich vermehrt trauen, ihr Schweigen zu brechen.

Im Gegensatz zur heutigen Heimleitung tut sich der damalige Heimleiter schwer, Verantwortung zu übernehmen. Er versucht, diese allein auf das Benediktiner-Kollegium zu schieben. Fakt ist aber: Der Pfarrer war auch Religionslehrer und 18 Jahre lang im Vorstand des Heims. Es ist deshalb nicht nur wichtig, sondern auch richtig, dass die Heimleitung einen Teil der Verantwortung übernimmt.

Dass sich der damalige Heimleiter von der heutigen Leitung distanziert, anstatt sich hinter sie zu stellen, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Auch wenn von den damaligen Verantwortlichen niemand je etwas erfahren oder gewusst hat, so ist nach den Schilderungen von Andreas Santoni klar, dass Heimkinder sexuell missbraucht wurden. Wird in einem solchen Fall die Verantwortung abgeschoben, ist das genau jenes Verhalten, das dazu führt, dass sexueller Missbrauch ein Tabu bleibt. Und das hilft nur den Tätern.