Wochenkommentar
Sechs Klarstellungen zum Medienwandel

In seinem Wochenkommentar schreibt «Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller über No Billag, den SDA-Streik und Zeitungskooperationen.

Patrik Müller
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Patrik Müller: «Es ist offensichtlich: In der Medienlandschaft finden Erschütterungen und tektonische Verschiebungen statt. Über ihre Ursachen und Wirkungen gibt es allerdings viele Missverständnisse und Irrtümer.»

Patrik Müller: «Es ist offensichtlich: In der Medienlandschaft finden Erschütterungen und tektonische Verschiebungen statt. Über ihre Ursachen und Wirkungen gibt es allerdings viele Missverständnisse und Irrtümer.»

Keystone

Medienthemen dominieren zurzeit die Schlagzeilen. Über kaum eine politische Sache wird heftiger diskutiert als über die «No Billag»-Initiative, welche die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren verlangt.

Diese Woche geriet neben der SRG ein zweites Medienunternehmen in den Fokus der Öffentlichkeit: Die Redaktoren der SDA, der einzigen Nachrichtenagentur des Landes, haben gestreikt, weil 40 ihrer 150 Vollzeitstellen abgebaut werden sollen. Ebenfalls diese Woche gab das Bündner Verlagshaus Somedia bekannt, dass es die Redaktionen seiner Zeitungen «Südostschweiz» und «Bündner Tagblatt» (beide Partner der «Schweiz am Wochenende») zusammenlegt.

Die Tamedia hat die überregionalen Ressorts ihrer Zeitungen bereits Anfang Jahr fusioniert. Und angekündigt, aber noch nicht umgesetzt ist auch die Zusammenführung der AZ Medien und der NZZ-Regionalmedien.

Es ist offensichtlich: In der Medienlandschaft finden Erschütterungen und tektonische Verschiebungen statt. Über ihre Ursachen und Wirkungen gibt es viele Missverständnisse und Irrtümer. Man hört sie an «No Billag»-Podien, man liest sie in sozialen Medien. Zeit für einige Klarstellungen.

Klarstellung Nr. 1: Journalismus ist gefragter denn je. Wenn Redaktionen sparen müssen, dann nicht deshalb, weil sich die Leser von ihnen abgewendet hätten. Im Gegenteil: Regionalzeitungen wie die «Aargauer Zeitung», aber auch die «NZZ» haben noch nie so viele Menschen erreicht wie heute, wenn man die Leser ihrer gedruckten Ausgaben und der zugehörigen Online-Portale zusammenzählt.

Das Problem ist nicht die Reichweite, sondern die Tatsache, dass es den Verlagen bislang nicht gelungen ist, mit ihrer Online-Berichterstattung Geld zu verdienen, sei es mit Bezahlschranken oder mit Werbung. Denn diese fliesst aus den gedruckten Zeitungen zu Internetkonzernen wie Google und Facebook, die zielgerichtete Werbung ohne Streuverluste versprechen.

Klarstellung Nr. 2: Die Gratis-Kultur ist ein Phänomen der Digitalisierung. Dass journalistische Inhalte im Internet kostenlos erhältlich sind, ist stossend, denn sie haben einen Wert. An der Gratis-Kultur ist aber weder «20 Minuten» noch sonst ein Verlag schuld, wie oft behauptet wird. Sie ist die Folge der Digitalisierung, die Informationen zu einer «Commodity» gemacht hat, zu einer flüchtigen Ware, die man nicht besitzen kann. Sogar über Artikeln des neuen Bezahl-Magazins «Republik», dessen Macher Facebook scharf kritisieren, steht ein Facebook-Button zur Gratis-Verbreitung der Texte.

Stanford-Professor und Google-Verwaltungsrat John Hennessy sieht die Ursünde der Gratis-Kultur bei Google, wie er in unserem Interview sagte: «Wir haben einen grossen Fehler begangen. Die Welt wäre heute ein anderer Ort, wenn es uns gelungen wäre, in der Frühphase des Internets ein gutes Zahlungssystem für Inhalte zu schaffen.»

Klarstellung Nr. 3: Die Schweizer Medienhäuser sind gesund. Ein CVP-Nationalrat und «No Billag»-Gegner behauptete diese Woche an einem Podium, die Lage der Zeitungen sei «desaströs». Unsinn! Gerade weil sie sich seit Beginn der digitalen Revolution gewandelt haben – ohne Zwangsgebühren zu erhalten –, stehen sie gut da. Kooperationen, digitale Innovationen, Effizienzsteigerungen: Das sind bisweilen schmerzhafte Vorgänge, die wir genauso, oder noch ausgeprägter, in anderen Branchen beobachten, welche von der Digitalisierung umgepflügt werden.

Aber sie führen dazu, dass wir hierzulande nach wie vor viele gut gemachte journalistische Angebote haben. Ein unverdächtiger Zeuge, Helmut Hubacher, der SP-Doyen und frühere Parteipräsident, stellt fest: «In den heutigen Zeitungen steckt viel mehr Recherche. Wenn ich das mit den Parteizeitungen von damals vergleiche, muss ich sagen: Das Angebot ist besser geworden.»

Klarstellung Nr. 4: Zwischen Vielfalt und Qualität besteht ein Zielkonflikt. In einer idealen Welt konkurrenzieren möglichst viele Zeitungen miteinander, die alle eigenständig und von hoher Qualität sind. Diese Welt gab es nie. Früher erschienen viele parteiische Zeitungen, deren Qualität aber mangelhaft war (und die meist nur von den eigenen Parteianhängern gelesen wurden).

Im heutigen Wettbewerbsumfeld ist es richtig, dass Zeitungen in der überregionalen Berichterstattung zusammenspannen, denn so erreichen sie dank vereinten Kräften eine bessere Qualität. Der Preis dafür ist etwas weniger Vielfalt aus einer nationalen und internationalen Optik. Dafür sichern die Einsparungen die kantonale und lokale Berichterstattung.

Klarstellung Nr. 5: Der Lokaljournalismus ist wichtig für die Demokratie. Der Historiker Timothy Snyder von der Yale-Universität erklärte am Weltwirtschaftsforum in Davos den Glaubwürdigkeitsverlust der US-Medien und den Aufstieg von Donald Trump damit, dass in den USA vor zehn Jahren die Lokal-Medien verschwunden seien.

Wenn das eigene Dorf oder die eigene Stadt nur noch im Fernsehen komme, wenn es einen Hurrikan oder einen Bombenanschlag gebe, und sonst über nichts mehr berichtet werde, verlören die Bürger das Vertrauen in die Medien und sogar in die Demokratie, sagte Snyder. Dies sei der Nährboden für Verschwörungstheorien und Politikverdrossenheit. Snyders These ist ernst zu nehmen. Die regionale Berichterstattung, auch von kleinen Lokalzeitungen, ist in einem föderalistischen Land entscheidend.

Und hier kommt die SDA ins Spiel: Gerade kleine Zeitungen sind für nationale, manchmal auch kantonale Themen auf die Agentur angewiesen. Auch die SDA leistet Service public (mit 150 oder bald noch 110 Stellen), während die SRG sich dank Gebühreneinnahmen von 1,2 Milliarden Franken 6000 Mitarbeiter leisten kann. Stimmen da die Verhältnisse?

Klarstellung Nr. 6: Die Schweiz ist privilegiert. Wir brauchen nicht bis nach Amerika zu schauen, wo ganze Städte und Regionen ohne Zeitung auskommen müssen: Die Schweiz ist auch im Vergleich zu ihren Nachbarländern medial äusserst reichhaltig bedient.

Die Zeitungen, ob gedruckt oder digital, sind hierzulande nicht im Besitz ausländischer Grossverlage oder Investoren, sondern werden meist von Familien verlegt. Die SRG ihrerseits ist unabhängiger als andere Rundfunkanstalten in Europa. Das sind gute Voraussetzungen für die Bewältigung des Medienwandels.