Wochenkommentar
Schweizer Tourismus: Es ist Zeit, dass die schlechten Hotels verschwinden

Ferien in der Schweiz wurden für ausländische Gäste auf einen Schlag um 20 Prozent teurer. Der Wochenkommentar über das Leiden des Schweizer Tourismus – und warum zu viel Staatshilfe falsch wäre.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Der Bundesrat will den Tourismus fördern, damit Schweizer in der Schweiz Ferien machen. Ist das gut?

Der Bundesrat will den Tourismus fördern, damit Schweizer in der Schweiz Ferien machen. Ist das gut?

Mancher ausländische Gast dürfte am späten Morgen des 15. Januar erbleicht sein, als er auf der Skipiste seine Bögen schwang und von der Aufhebung des Euro-Mindestkurses erfuhr. Seine Ferien in der Schweiz wurden auf einen Schlag um 20 Prozent teurer.

Gleich darauf ging das grosse Jammern los. Von «9/11 für den Tourismus» war die Rede, von einem «Tsunami» und einem «Drama», grad so, als wären Tote zu beklagen.

Nüchterner formulierte es Dominique de Buman, der Präsident des Tourismus-Verbandes: «So beunruhigend war die Lage noch nie.»

Und was tut man als Verband in beunruhigenden Lagen? Man ruft nach Steuergeldern.

Diesen Montag präsentierte er einen Forderungskatalog von 13 Punkten – viele davon beinhalten Staatshilfe: Hotels sollen dauerhaft von einer tieferen Mehrwertsteuer profitieren, «Schweiz Tourismus» 50 Millionen Franken zusätzlich erhalten, Geld für Weiterbildung bereitgestellt, Pistenfahrzeuge von Mineralölsteuer und Partikelfilterpflicht befreit werden – als würden die paar Rappen, um welche der Skipass dann billiger wäre, den Tourismus in die Zukunft retten.

Zu viel Staatshilfe endet langfristig oft tödlich

Zugegeben: Es ist einfach, vom warmen Büro im Unterland aus den Berggebieten Ratschläge zu erteilen. Die Herausforderungen sind in der Tat gewaltig: Österreich und Frankreich verfügen über ebenso schöne Berge und eine ebenso ausgebaute Infrastruktur, sie sind aber viel günstiger.

Den Kostennachteil kann die Schweiz nicht wettmachen. Die Erfahrung jedoch zeigt: Wenn der Staat mit Subventionen Betriebe am Leben erhält und Reformen verhindert, dann kommt es eines Tages umso schlimmer.

Die Schweizer Lastwagenindustrie verschwand, weil sie jahrzehntelang vor ausländischer Konkurrenz abgeschottet wurde. Die Telefonindustrie verschwand, weil sie jahrzehntelang ein PTT-Monopol hatte.

Beide waren nicht zu Innovationen und Effizienzsteigerungen gezwungen und verpassten den Anschluss. Als der Schutz wegfiel, war die ausländische Konkurrenz bereits uneinholbar enteilt.

Wer weiss: Vielleicht erleben auch die staatlich unterstützten Bauern eines Tages ein böses Erwachen. Und ebenso der Tourismus, falls er sich jetzt zu stark vom süssen Gift der Staatshilfe einlullen lässt.

Die Touristiker schlagen auch Sinnvolles vor – etwa, dass die Schweiz endlich von günstigen Importen profitieren soll. Bis heute verlangen internationale Konzerne bei uns bewusst mehr als anderswo, und Parallelimporte sind noch immer nicht vollumfänglich möglich – die Abschottung des Agrarmarktes lässt grüssen. Vielleicht sorgt der starke Franken dafür, dass hier endlich Bewegung in die Sache kommt.

Eine weitere sinnvolle Massnahme wären längere Arbeitszeiten, wie sie zum Teil die Exportindustrie einführt.

Oder Lohnanpassungen, schliesslich haben ausländische Angestellte durch die Stärkung des Frankens eine saftige Lohnerhöhung erhalten.

Vorbild Exportindustrie: Konzentration auf Stärken!

Im Gegensatz zur Exportindustrie kann der Tourismus nicht Leistungen ins Ausland auslagern, und auch Effizienzsteigerungen sind schwieriger umzusetzen.

Etwas jedoch könnte der Tourismus der Exportindustrie abkupfern: Sie ist konsequent auf Innovation und Einzigartigkeit getrimmt. Kein Schweizer Exporteur hat überlebt, der es mit austauschbarer Massenware versucht hat.

Die Schweiz wird immer teurer sein. Deshalb muss sich jede Firma überlegen: Welche Nische besetze ich? Was kann ich, dass niemand sonst so gut beherrscht? Wenn das gelingt, dann ist der Preis zweitrangig.

In unseren Ferienorten finden wir viele austauschbare Angebote. Warum gibt es nicht mehr, die sich sagen: Wir sind die Besten für Familien. Oder für Wellness. Oder das Mekka für Snowboarder?

Und warum arbeiten die Akteure nicht stärker zusammen, bei Marketing oder Einkauf. Nicht jedes Hotel kann sich einen breiten Wellness-Bereich leisten. Warum bauen nicht die einen ein Schlammbad und die anderen ein Hamam, und der Gast darf alles benutzen?

So oder so werden jedoch nicht alle überleben. Unter den rund 5000 Hotels in der Schweiz gibt es heute zu viele mittelmässige, relativ teure und relativ schlechte Betriebe, die schon länger unter Druck stehen. Gleichzeitig gibt es Top-Häuser, die bestens ausgelastet sind. Im Schweizer Tourismus herrscht ein Gefälle.

Der Hotelier des «Kulm» in Arosa bot einem Gästepaar aus Frankreich nach dem Euro-Entscheid der Nationalbank an, sie mögen die Rechnung nach Hause nehmen und dann zahlen, wenn sich der Kurs eingependelt habe. Beim Check-out legte das Paar den Betrag bar auf die Theke und sagte: «Es war es uns wert.»

Andere haben offenbar gar noch nicht bemerkt, dass sich ihre Branche anstrengen müsste. Am Skitag dieser Zeitung auf dem Hasliberg sass ein Gast im bedienten Teil des Bergrestaurants und wollte das Schnipo aus dem Selbstbedienungsteil desselben Restaurants. Dann möge er bitte wechseln, wurde ihm einigermassen barsch beschieden – als müsse er dankbar sein, hier einkehren zu dürfen ...

So hart es für die Einzelnen sein mag: Für den Schweizer Tourismus ist es gut, wenn die schwächsten Glieder verschwinden. Der Durchschnitt wird besser. Und der Idylle in den Bergen schadet eine Bereinigung nicht – im Gegenteil.