Kommentar
Sagen Emojis, was wir leiden?

Ein Blick in den Herbst der Sprache, wo gerade viel verwelkt, mitten unter Beredten.

Max Dohner
Max Dohner
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"Vollends verniedlicht wird Sprache dann in den Emojis."

"Vollends verniedlicht wird Sprache dann in den Emojis."

Vom Kopf bis hinaus zur Hand – ein verflixt langer Abstand. Kann man den irgendwie verringern? Einen Gedanken besser, schneller, schöner äussern – ihn nicht bloss träumen? Kann man lernen, den Traum zu fassen, gar die Seele, in einem makellosen beständigen Ausdruck? Den Wunsch soll man, muss man wohl haben, selbst wo man knochen-pragmatisch bleibt. Nämlich darum: Was hat denn Bestand bei allem, was man ausposaunt, schafft und chrampft? Das Gute, nicht wahr? Und wie wird etwas gut, eleganter als der Rest? Dank gutem Handwerk – ja. Und was hebt die Sache endgültig übers Handwerk hinaus?

Mit solchen Fragen beschäftigt sich eine Schule seit zehn Jahren; sie feierte gestern dementsprechend: das Schweizerische Literaturinstitut in Biel. Die Schule lehrt Gewöhnliches, hofft aber, in einem zweiten Schritt, auch den Weg in Ungewöhnliches zu weisen. Zunächst gilt es, handwerkliche Mängel zu erkennen und auszumerzen. Danach aber soll aus Handwerk eine schöne Sache werden, möglichst zeitlos, Kunst.

Diese Stufung kennt jeder Mensch, auch völlig unbelastet von Kunst. Kennt sie mindestens bei jenen Dingen, die ihm wichtig sind. Was einem «am Herz liegt», soll doch etwas länger dauern. Wie bringt man eine Herzenssache in eine gute Form? Da kann man vom Schreiben lernen.

Jeder und jede schreibt. Auch dort, wo die Hand nicht schreibt, muss sie noch töggelen oder wischen. Und das bedeutet: weiter Blut, Schweiss und Tränen. Sprache nervt! Egal, wie «benutzerfreundlich» die Geräte mittlerweile sind, so plagt doch jeden weiter die Erfahrung, dass der Weg quälend lang ist vom Kopf bis hinaus zur Hand. Jeder ist schon zu einem Blatt Papier oder ans Handy gestürzt, im Kopf den Blitz einer Erleuchtung, gar mit dessen zeitlos gültigem Bild . . . Und als er ihn festhalten, notieren, speichern wollte, verflüchtigte sich alles unter der Hand. Zurück blieben taube Nüsse, Krakel, alberne Posts.

In der Tat: Die Widerborstigkeit bei jedem Satz, die Zähigkeit schlechten Stils selbst bei grösstem Fleiss, die halsbrecherischen Trapeznummern, wenn es mal denkt, während tausend Floskeln locken, uns fallen zu lassen, schwammig und bequem – diesen ganzen Frust der Sprache müsste mal jemand ordentlich geigen auf Facebook, Whatsapp oder Twitter. Man hackt, zerstückt, verknappt – und redet trotzdem zu viel. Wesentlich wäre ein Wort ja nur, wo ein Licht aufgeht. Dadurch weiss man auch jederzeit und insgeheim, wo man flunkert, sich billig aus der Affäre zieht, vernebelt anstatt klärt, das Leben am offenen Herz meist mit eiligem Pfusch vernäht.

Das Boshafteste (und Tollste) an der Sprache ist, dass sie uns gerade nicht nach dem Mund redet. Wirkt darum alles gemütlich im Dialekt, wo sich mittlerweile Krethi und Plethi tummeln, ungeniert in vermeintlich freizügiger Natur? Am Abstand zwischen Kopf oder Herz und Hand, deren Ausdruck immer zu wünschen übrig lässt, ändert Dialekt kaum etwas. Wärmt uns nicht, klingt nur so. Vollends verniedlicht wird Sprache dann in den Emojis. Die Symbol-Pics befreien von der Angst, sich mit Gestammel inflationär zu blamieren, da man sich inflationär auch «teilen» muss über tausend Apps. Dummerweise sind Emojis ihrerseits rasch zur endlosen semantischen Reihe zerfallen, heisst: Selbst die kindliche Mimikry von Smileys wird kompliziert und verliert sich im Bedeutungslosen.

Teuflisch (und vorzüglich) ist am Ende das: Damit die Dinge voll klingen, nicht nach Blech, muss man sich in Genauigkeit üben. Nicht grosse Ideen schwingen – deshalb sind Reden gähnend langweilig am 1. Mai und 1. August –, erst Stil ergibt Substanz. Um sofort zu spüren, wo Worte klingen, dient seit je das Rückenmark. Satzwunder rieseln durchs Mark. Also verstünde jeder, hinzuhören; das ist keine Exklusivfähigkeit eines Instituts. Bei aller Fähigkeit – Sprache bleibt ein anrufbarer, nicht abrufbarer Zauber. Goethe dichtete – im Tasso: «Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.» Man kann sich nicht vorstellen, dass das irgendwann so funktioniert: «Gab mir ein Emoji zu sagen, was ich leide.» Den Tag werden wir nicht erleben, da ein Roboter uns Hören und Sehen abnimmt.

Wir reden also vom Innersten, vom geistigen Überleben. Ob das gelingt, gegen alle Spassvögel aus der getunten Zukunft, ist täglich neu abzulesen, leicht wie Hauch am Spiegel der Sprache.

max.dohner@azmedien.ch