Kolumne
Roboter im Pflegeberuf: Ziemlich beste Freunde

Roboter machen den Pflegeberuf in jeder Hinsicht attraktiver.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
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Der Bedarf an Pflege steigt. (Symbolbild)

Der Bedarf an Pflege steigt. (Symbolbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Wir haben nicht alle das Glück, an unserem 89. Geburtstag beschwipst und glücklich einzuschlafen und am andern Morgen tot zu sein. Wahrscheinlicher ist: Wir können uns eines Tages nicht mehr selber helfen, überall lottert und harzt und schmerzt es, am Ende sind noch im Kopf ein paar Schrauben locker, kurz, wir brauchen Pflege. Klugerweise kümmern wir uns also – aus reinem Eigennutz – zeitig um die Zukunft des Pflegeberufes.

Darüber hört man ja nicht nur Erfreuliches. Klar ist nur: Der Bedarf an Pflege steigt, der Job wird unschätzbar wichtig. Umso mässiger fallen Salär und Prestige aus. Über die Arbeitsbedingungen zirkulieren eher abschreckende Nachrichten: Dauerstress, körperliche Schwerarbeit, schwierige Patienten, Überreglementierung, Zeitdruck. Seit einigen Jahren wird der Beruf aufgewertet durch tertiäre Bildung, Bachelor in Pflege, Master. Das kann der Pflege mehr Autonomie (gegenüber Ärzten, Ökonomen) bringen, vielleicht auch mehr Prestige. Aber natürlich macht ein Studium Pfleger weder physisch noch psychisch stärker. Dazu müsste sich der Arbeitsalltag wandeln – und das Berufsprofil müsste geschärft werden: subalterne Dienstleistung oder souveräne Lebensleistung?

Apropos souveräne Lebensleistung. Wir haben alle den Film «Les Intouchables» gesehen, auf Deutsch «Ziemlich beste Freunde»: Der schwerreiche gelähmte Aristokrat und der kleinkriminelle afrikanische Zuwanderer, ein bizarres Duo, ein wunderbarer Erfolg, erst im Leben, dann im Kino. Der arbeitslose Ex-Häftling, ein Parade-Athlet, wird zum Intensivpfleger des Schwerstbehinderten – und zum Retter der Lebensfreude, der Komik irdischen Lebens. Die beiden lachen viel, lachen einander aus, ergötzen sich über steife Konventionen der Familie, des Bildungsbürgertums, sie werden Freunde. Sentimentaler Sozialkitsch? Wirkt alles stark übertrieben. Liegt aber an der Realität. Die Geschichte hat sich so zugetragen.

Was zeigt die Geschichte? Sie ist ein Muster dafür, wie Helfen hilft. Mit ausgeklügelten Methoden? Was hat Abdel Sellou, der afrikanische Pfleger, was wir nicht haben? Einen Bachelor in Pflege, Master gar? Er hat null Credit Points. Vital aber hat er allerhand drauf. Und er denkt nicht daran, in diesem Job zu verkümmern. Also lebt er auch im Beruf ungeniert drauflos – und nimmt genau damit dem Behinderten die Angst vor dem Leben. Von Mitleid hält er gar nichts, da würden ja am Ende bloss zwei leiden statt des einen, und schon dieser eine ist ihm zu viel. Er verhält sich eher wie ein Animateur, weniger als Betreuer. Er wird dem Gelähmten zum Gefährten fürs Leben.

Na ja, wird man sagen: Unter solch oberfeudalen Bedingungen – Stadtpalais, Grossbürger – mag das funktionieren. Doch im Heim? Hilfe könnte von neuer Technologie kommen – zur Unterstützung, Entlastung, sogar Anerkennung. Stellen wir uns vor: Neben dem Pfleger der Zukunft rollt ein schlauer Roboter ins Zimmer. Der bettet die Patientin auf die Seite, stellt das Bett neu ein, während der Pfleger Zeit hat, mit der Kranken zu sprechen. Sensoren melden Unregelmässigkeiten aus dem Krankenzimmer, wenn die Station nachts dünn besetzt ist. Das Salär kann steigen, weil Pfleger mehr Menschen «versorgen» können. Weniger Pflegerinnen steigen wegen Rückenbeschwerden aus dem Beruf aus. Auch die psychische Gesundheit bessert sich: weil die körperliche Belastung sinkt, weil weniger Stress herrscht, weil die Stimmung steigt. Der Roboter könnte sogar das Prestige erhöhen. Auch wenn es kurios tönt: Berufe mit wenig Zusatzausstattungen gelten als weniger anspruchsvoll, man muss ja «bloss die Hände einsetzen». Wird Hightech benutzt, gilt die Arbeit als wertvoller und wird besser bezahlt.

Digitale Erleichterung des Arbeitsalltages kann zu mehr Anerkennung, zu besserer Bezahlung führen. Der technische Fortschritt, häufig gefürchtet als Jobkiller, als ethischer Problemfall, könnte es Krankenpflegern ermöglichen, ihre Aufgaben wirklich zu erfüllen, an und mit Menschen menschlich zu arbeiten: Verbände wechseln, Gespräche führen, trösten, ermutigen, zum Leben verführen. So könnten sie Menschen zum Gesundwerden helfen und beim Sterben begleiten – und mit deren Wertschätzung nach Hause gehen.

Spricht alles für neue Arbeitsteilung. Zuständig für Routinen: Roboter. Berufsziel Pflege: ziemlich beste Freunde.

Autor Ludwig Hasler ist Publizist und Philosoph, Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».