Gastkommentar
Rentner sollen Coronakrise zahlen: Was soll das denn?

Dass die 1,6 Millionen über 65-Jährigen für die Folgen der Coronakrise bezahlen sollen, kann nicht sein, schreibt der Autor. Eine Replik auf den Meinungsartikel «Senioren sollen finanziell helfen»

Manfred Messmer
Manfred Messmer
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Wer soll den Schaden bezahlen? Nicht die Alten findet der Autor.

Wer soll den Schaden bezahlen? Nicht die Alten findet der Autor.

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Nein, Stefan Schmid geht in seinem Kommentar «Senioren sollen wegen Corona-Lockdown ein Solidaritätsprozent beisteuern» nicht so weit, wie am Sonntag zuvor die NZZ: «Es muss über eine temporäre, 95-prozentige Erbschaftssteuer sowie eine Deckelung von grossen Pensionen nachgedacht werden. Ungerecht? Dass wir alle nun wegen der Alten zu Hause bleiben und unsere Jobs verlieren, ist auch ungerecht.» Hat da einer geschrieben. Doch Schmid bläst ins selbe Horn: «Angesichts der Tatsache, dass das Virus primär ältere Semester bedroht, darf die Frage nicht tabuisiert werden, ob es nicht opportun wäre, just die AHV-Generation mit einer Solidaritätsabgabe in die finanzpolitische Verantwortung zu nehmen.»

Die Frage darf nicht tabuisiert werden! Die 1,6 Millionen über 65-Jährigen will man für die Folgen der Coronakrise haften lassen? «Wir kommen um die Debatte nicht umhin, wer diese Milliarden, die Ueli Maurer jetzt so grosszügig verteilt, in erster Linie zu stemmen hat», schreibt Schmid. Oh doch, um diese Debatte kommen wir herum, weil «wir Alte» sie nicht führen werden.

Die Diskussion um den wirtschaftlichen Wert «der Alten», die wieder in den Medien hochkocht, kann man indes nicht der Einsamkeit des Journalisten im Homeoffice zuschreiben. Schon seit Jahren leben «wir Alten» mit dem Vorwurf, dass unser langes Leben versicherungsmathematisch nicht gerade optimal sei. Weshalb man mit dem Schreckgespenst «Überalterung» gegen uns Stimmung macht: Die Alten leben auf Kosten der Jungen; die Reserven schrumpfen, weil die Babyboomer die Rentenkassen verprassen.

Dass die Jungen unsere Renten bezahlen sollen – na schön. Wir haben seinerzeit nicht nur die AHV-Renten unserer Grosseltern finanziert, die kaum einen Rappen eingezahlt hatten. Wir haben bis 1986 bei jedem Stellenwechsel Millionen von Franken, den Arbeitgeberanteil, in der jeweiligen Pensionskasse zurücklassen müssen, das den Guthaben der sesshaften Vätergeneration gutgeschrieben wurde. Wir haben mit unseren Steuern die Infrastruktur finanziert – Schulhäuser, Strassen, Schwimmbäder, Velowege, Kabelnetze, Kläranlagen und die Neat – auf denen ihr, unsere Kinder, weiter aufbauen könnt. Wir haben euch die Windeln gewechselt und später die Ausbildung bezahlt.

Klammerbemerkung: Marius Brülhart von der Universität Lausanne erklärte kürzlich, in diesem Jahr würden Schweizerinnen und Schweizer 95 Milliarden Franken erben, «fünfmal mehr als noch vor 30 Jahren». Oder ungefähr das Doppelte der jährlichen Ausgaben der AHV.

Doch, ich verstehe den Ärger der Homeoffice-Generation. Der rührt im Kern daher, dass wir, die neuen Alten, genau das Leben führen können, von dem ein 42-jähriger Schmid träumt: selbstbestimmt, finanziell unabhängig, krisenfest. Wir sorgen für Irritation, weil wir mit unserer Vitalität, unserer Wissbegier, unserer Lust am Reisen und aufs Leben überhaupt so gar nicht ins althergebrachte Bild vom trotteligen Alten passen wollen. Ich verstehe, dass man unsere unabhängige Sicht auf die Dinge als frivole Provokation empfinden kann. Systembedrohend waren wir damals schon, als wir in Basel die Tramschienen besetzten oder, wie ich, als langhaarige Hippies nach Indien reisten.

Wir nutzen Computer, Tablets und Smartphones – von Babyboomern entwickelt – so selbstverständlich wie unsere Enkel. Kurz: Wir haben die Lebenseinstellung und die Rücklagen, um einen anderen Lebensentwurf zu leben, als den des Rentners auf der Parkbank. Ich bin einer dieser «neuen Alten» und habe kein schlechtes Gewissen, mein Leben nach eigenem Gusto zu leben. Unsere facettenreiche Lebenserfahrung macht uns ziemlich gelassen. Weil wir wissen, wie das alles endet.

Hört also auf, auf dem Sofa die Decke anzustarren und Angst zu haben, sie könne euch auf den Kopf fallen. Es ist eine Binse: Eine solch gigantische Krise eröffnet gigantische neue Chancen. Diese müsst ihr nicht suchen, sie werden euch finden. Die einzige Voraussetzung dafür ist, dass ihr euch bewusst macht, was ihr von jetzt an nicht mehr wollt. Und mit dieser Gewissheit die Konsequenzen zieht. Kompromisslos. Ihr lernt es derzeit auf die harte Tour: Was gestern galt, hat heute keine Bedeutung mehr. Welch eine Befreiung.

PS: Würde ich so denken wie Schmid et al, dann könnte ich jetzt sagen, was kümmert mich das Coronavirus: Öffnet die Läden, geht zurück an die Arbeit, schickt die Kinder wieder zur Schule. Ich und meine Frau haben Covid-19 hinter uns. Wir sind immun. Wir bleiben dennoch zuhause.

Manfred Messmer Manfred Messmer, 71, früher Journalist, Inhaber einer PR-Agentur, bis letztes Jahr AHV-Beitragszahler. Jetzt Rentner und Blogger: www.arlesheimreloaded.ch