Polemik
Randnatur im Käfig

Tommaso Manzin
Tommaso Manzin
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Die Steinkorbfassade als Ausdruck der zeit.

Die Steinkorbfassade als Ausdruck der zeit.

Philippe Stalder

Seit ich sie entdeckt habe, verfolgen sie mich. Steinkörbe. Sie sind überall. Und mir scheint noch nicht lange. Plötzliche Omnipräsenz hat etwas Verstörendes. Was Böschungen waren, Schallschutzmauern, Zyklopensteine und sonstige Demarkationslinien in Stadt und Land: Alles wurde über Nacht zu Steinkörben, irgendwann. Als ich jüngst in meine Strasse einbog, sah ich, dass mein Nachbar mit den säuberlich in Metallgitter abgefüllten Steinen seine Einfahrt säuberlich hat umrahmen lassen. Aber wann?

Ich nahm die Post aus dem Briefkasten und setzte mich nachdenklich auf den Felsen, der schon vor dem Haus da war. Etwas war anders: Ich griff nach dem Stein und wollte aufspringen, als der Nachbar winkend auf mich zulief und sagte: Es war ein Korb übrig, da dachte ich mir ... Dann wachte ich auf. Zum Glück, nur ein Traum. Als ich das Haus verliess, thronte mein Findling über den Steinen in ihren Käfigen. Im Zug flitzten sie an mir vorbei: neben Gleisen, versteckt in Brückenpfeilern. Doch je mehr sie mir entgegenflogen, desto klarer war mir: Sie sind nicht meine Obsession, sondern jene der Zeit. Natur – oder was davon bleibt–, aber bitte aufgeräumt. Die Beherrschung der Randnatur, sozusagen.

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