Debatte
Pro und Kontra: Soll der Staat den Veloverleih organisieren?

Der private Veloverleiher O-Bike aus Singapur hat in den letzten Wochen in verschiedenen Schweizer Städten Leihvelos aufgestellt – ohne Bewilligung. Weitere Städte sollen folgen. Doch das Vorgehen stösst vielerorts auf Widerstand. Braucht es nun stärkere Regulierungen?

Antonio Fumagalli und Samuel Hufschmid
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Eines von rund 300 «OBikes» in Zürich.

Eines von rund 300 «OBikes» in Zürich.

Pro von Antonio Fumagalli, Inlandredaktor

NCH

O-Bikes sind grossartig – aber es braucht ein paar Regeln

Die Schweizer Städte sollen den Veloverleihern Bedingungen setzen – und sich daran erfreuen, dass plötzlich alle radeln wollen.

Als veloaffiner Exil-Zürcher bin ich der perfekte Kunde der O-Bikes. Mein eigenes Rad steht in Bern, in der Limmatstadt habe ich bis anhin zumeist den öffentlichen Verkehr oder ein Leihvelo der Stadt verwendet. Seit die O-Bikes an jeder Hausecke abgestellt sind, ist alles anders. Beim ersten Mal staunte ich noch ungläubig, wie einfach das Entsperren per App funktioniert, seither gehört für mich die Ausleihe eines jener gelben Velos schon fast zum Standardprogramm, sobald ich am Hauptbahnhof ankomme. Länger als drei Minuten habe ich noch nie suchen müssen und nicht selten habe ich eines mitten in der Fussgängerpassage gefunden.

Genau das ist aber das Problem mit den O-Bikes: Die Stadt Zürich wurde dermassen mit den Rädern aus Singapur überschwemmt – die Betreiberfirma hat nicht weniger als 900 verteilt –, dass ein Wildwuchs sondergleichen entstanden ist. Auch, weil es nicht ihr eigenes Velo ist, lassen es viele Nutzer dort stehen, wo es ihnen gerade passt. Hinzu kommen Vandalen, die aus Frust oder «Spass» die Alutreter an Bäume hängen oder in den Fluss werfen.

Will die Stadt den öffentlichen Raum allen zugänglich belassen und zu viel «Velo-Littering» verhindern, kann sie dem Treiben nicht tatenlos zusehen. So praktisch die O-Bikes auch sind – es braucht ein paar Regeln. Zum Beispiel muss die Firma in die Pflicht genommen werden, beschädigte Räder schnell aus dem Verkehr zu ziehen. Auch sollen die Singapurer die Umverteilung in der Nacht intensivieren – es kann ja nicht sein, dass manche Veloständer fast vollständig mit den gelben Tretern belegt sind und kein Platz mehr für «normale» Räder bleibt. Die Stadt wird auch nicht darum herumkommen, weitere Standplätze zu bauen. Und warum belangt man eigentlich nicht fehlbare O-Bike-Nutzer fürs Wildparkieren, wenn ja Kreditkartendaten von ihnen hinterlegt sind?

Zürich ist mit seinen eigenen Verleihplänen buchstäblich links überholt worden. Weiter schlimm ist das nicht, es gibt ja offenbar private Anbieter, die in die Bresche springen. Die Schweizer Städte sollen sich besser darauf konzentrieren, den Wettbewerblern gewisse Parameter aufs Auge zu drücken – und sich daran erfreuen, dass plötzlich alle radeln wollen.

Contra von Samuel Hufschmid Redaktor bz Basel

bz

Die Schweiz reguliert sich wieder einmal ins Abseits

Wie für jeden Marronistand verlangt Basel auch für jedes Mietvelo eine Bewilligung. Und erstickt damit die Innovationskraft im Keim.

Revolutionen kommen manchmal aus dem Nichts. Und unerwartet. Und vielleicht schaffen sie sogar ein Bedürfnis, das vor ihrer Einführung gar nicht bestand. Denken Sie an ein Feuerzeug. Vor seiner Erfindung gab es bereits Streichhölzer, das Problem des Feuermachens war gelöst. Dann liefen sie den zündenden Hölzchen den Rang ab, machten sie überflüssig. Ehe eine Flugaufsichtsbehörde entschied, dass sie in der Flugzeugkabine eine Gefahr darstellen könnten und deshalb höchstens eins davon ins Handgepäck darf.

Heute würden Feuerzeuge möglicherweise aufgrund ihrer potenziellen Gefahr in Flugzeugen gar nicht mehr zugelassen. So wie auf Allmend abgestellte Mietvelos, die eine Revolution sein könnten und die vielleicht erst durch ihre Existenz aufzeigen, dass es ein Bedürfnis nach ihnen gibt. Doch so weit wird es zumindest in Basel möglicherweise gar nicht erst kommen. Denn statt sich zu sagen: Da nehmen asiatische Investoren grosse Geldbeträge in die Hand, um auf eigenes Risiko auszuprobieren, ob das Bedürfnis nach günstig nutzbaren, überall abstellbaren Mietvelos besteht, winken die Behörden ab.

Lieber wird weitergebastelt an einem eigenen, stationären Veloverleihsystem, das seit 20 Jahren gefordert, aber noch weit von einer Einführung entfernt ist. Und, sind wir ehrlich: Ein Velo, das entweder zurück an seinen Ursprungsort oder an einen von Stadtplanern geplanten Abstellplatz gehört, das ist weder eine Revolution noch ein Bedürfnis. Wie viel praktischer ist da die Möglichkeit, sich jederzeit ein herumstehendes O-Bike zu schnappen und an einem x-beliebigen Ort wieder abzustellen?

Sicherlich ist es möglich, dass mit den Mietvelos Unfug getrieben wird, dass sie zerstört, im Rhein versenkt oder – wie medial bestens inszeniert – zu Türmen, Pyramiden oder anderen geometrischen Formen aufgetürmt werden. Oder dass plötzlich so viele Anbieter auf den Markt drängen, dass die Anzahl Veloabstellplätze in der Stadt nicht ausreicht und die Bikes eine Mehrheit der Bewohner nerven. Es kann sogar sein, dass die Velos nicht gut unterhalten und zu einem Sicherheitsrisiko werden. Dann wäre der Zeitpunkt richtig, um über Bewilligungen, Einschränkungen oder Verbote zu diskutieren. Wie bei den Feuerzeugen in der Flugzeugkabine.