Ansprachen zu Neujahr
Pastor – General – und unser

In seiner Kolumne schreibt der ehemalige Bundesratssprecher Oswald Sigg über die präsidialen Neujahrsansprachen dreier Staatsoberhäupter.

Oswald Sigg
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Bundespräsident Alain Berset während seiner Neujahrsansprache

Bundespräsident Alain Berset während seiner Neujahrsansprache

PETER KLAUNZER

Vor allen anderen Staatsoberhäuptern – mit Ausnahme des Papstes – hielt der deutsche Bundespräsident zu Beginn der Festtage seine feierliche Rede an die Nation: die Weihnachtsansprache. Frank-Walter Steinmeier rief zu Vertrauen für einen Staat auf, der seit Wochen um die Regierungsbildung ringt.

Zum ersten Mal – so konnte man lesen – seit 1949, dem Gründungsjahr der Bundesrepublik, steht die deutsche Familie regierungslos vor dem Weihnachtsbaum. Steinmeier versuchte deshalb sein Publikum zu trösten: «Wären wir Menschen nicht auch mutig und offen für das Unerwartete, dann wären schon die Hirten von Bethlehem auseinandergelaufen.»

Aber Steinmeier erzählte nicht die Weihnachtsgeschichte, sondern berichtete von seinen Reisen durch Deutschland. Da gebe es im Westen wie im Osten Orte ohne Tankstelle, ohne Lebensmittelgeschäft, ohne Arzt und ohne Busverbindung. «Es gibt eine Stille, die bedrohlich werden kann», sagte der Bundespräsident.

Zur Person

Oswald Sigg war bis 2009 Vizekanzler der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Bundesratssprecher. Zuvor war er Journalist, unter anderem Chefredaktor der Schweizerischen Depeschenagentur, anschliessend Informationschef mehrerer Departemente.

Er verstehe, dass dort die Menschen unzufrieden sind und sich abgehängt fühlen. Da brauche es Mut und freiwilliges Engagement, damit aus der Heimat wieder Orte entstehen, wo man bleiben wolle. Wäre da im Fernsehen nicht das Schloss Bellevue als Hintergrund zu sehen, wäre Steinmeier der gute, beliebte Pfarrer vom Dorf nebenan gewesen.

Frankreich war schon da und wird noch da sein – wenn ihr weg seid

Ganz anders der französische Staatspräsident. Er tat sich – eine knappe Woche später – nicht eben schwer bei seinem ersten Neujahrsauftritt. Konzentriert und aalglatt wie immer, ein Blatt Papier und einen Bleistift auf dem leeren Marmortisch, den Weihnachtsbaum im Park als Hintergrund und neben der Trikolore und der Europaflagge im ersten Stock des Elysée-Palastes stehend, sprach Emmanuel Macron 17 Minuten zum Volk, als wäre sein Vorgänger Charles De Gaulle gewesen.

Macron redete wie ein intelligenter Roboter. Ohne Erregung, keine Miene verziehend und schon gar nicht lächelnd. Er sei gewählt worden wegen dem, was er versprochen habe. Dieses Programm werde fortgesetzt. Er werde immer hinhören, erklären, andere Meinungen respektieren ... und am Schluss selber entscheiden, wofür er gewählt worden sei.

Etwas später formulierte Macron seine «Glückwünsche 2018 an die Jugend» auf Facebook – während 1,7 Minuten. Er brauche das Engagement der Jugend. Jeder und jede müsse sich als Teil des Kampfes sehen – «für die Mission, die die unsere ist». Also: «Fragt euch jeden Morgen, was ihr für Frankreich tun könnt. Als ihr erzogen wurdet, war Frankreich da, wenn ihr krank seid, ist Frankreich da, wenn ihr euch erholen wollt, wenn eure Eltern begleitet, eure Grosseltern gepflegt werden müssen, immer ist Frankreich da. Also engagiert euch in den Vereinen, im Zivildienst, in der Armee, im Service public oder in der kollektiven Aktion, die wir lanciert haben.»

«Was uns verbindet, ist stärker, als was uns trennt»

Nochmals ganz anders Bundespräsident Alain Berset. Er stand mitten im leeren Bundesratszimmer und richtete seine kurze Botschaft an alle, die «dankbar sind, in der Schweiz leben zu dürfen». Ein starker Einstieg: «Denn nichts ist so entscheidend wie der Ort, an dem wir zu Hause sind. Das lehren uns täglich Bilder aus aller Welt. Eine Heimat: Alle brauchen sie.»

Es gebe aber auch Fragen, etwa zur Arbeit, zum Alter oder zur Gesundheit. Wir könnten diese Fragen selbst beantworten – in unserer direkten Demokratie. Sie lehre uns das Miteinander und den Kompromiss – «denn was uns verbindet, ist stärker, als was uns trennt». Nur eine Passage mitten in Bersets ruhiger Neujahrsansprache ist mehr als merkwürdig: «Unserem Land geht es gut. Und es geht uns gut in unserem Land.» Warum? Er erklärt zwar, die Schweiz sei stabil und sicher, habe eine innovative Wirtschaft und es gebe Tausende, die sich freiwillig für die Gesellschaft engagierten – und auch die anderen wollten das Beste für unser Land.

Wer sind denn diese «anderen» – Europa? Es wird einzig als Handelspartner erwähnt. Ausländerinnen, Zugezogene, Touristen, Flüchtlinge – sie alle bleiben unerwähnt. Überhaupt: Die Migration, die Flucht nach Norden aus der Armut im Süden – sie bleibt in den drei Ansprachen unerwähnt. Kein Wort zur Todesfalle im Mittelmeer.

Gerade weil es uns so gut geht in unserem gut gehenden Land, wäre die Schweiz prädestiniert dazu, sich aktiver in die Mittel und Wege Europas zur gemeinsamen Lösung dieses Jahrhundertproblems einzuschalten.

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