Analyse
Overtourismus: Der Typ Strandlatschi muss weichen im öffentlichen Raum

Seit langem diskutiert, jetzt erst bekämpft: In seiner Analyse zum sogenannten Overtourismus schreibt Autor Max Dohner: «Würden sich Biertourist und Strandnixe benehmen, hätten regionale Behörden weniger Anstände gegen ihre schiere Masse.»

Max Dohner
Max Dohner
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Das Graffito in Barcelona scheint den Freizeitheini im Strandlatschi-Look nicht wirklich zu kümmern. Albert Gea/Reuters

Das Graffito in Barcelona scheint den Freizeitheini im Strandlatschi-Look nicht wirklich zu kümmern. Albert Gea/Reuters

REUTERS

Der Mann hätte gar nichts sagen müssen. Er stand an der Kasse des Coop-Restaurants: um die Wampe zu verbergen ein T-Shirt, so weit wie früher der Umhang von SBB-Gepäckfuhrmännern gewesen war; getüpfelte Bermudashorts, unklar, ob Badehose oder Pyjama; kaum Unterwäsche; behaarte Kreidewaden, Gummilatschen an den käsigen Füssen. Der Mann hätte sich wirklich nicht erklären müssen: «Ich bin in den Ferien.» Gleichwohl hätte er in dieser Gestalt hier niemals auftauchen sollen: als Homo Freizeitensis, aktuell das schamloseste Exemplar im Zoo des öffentlichen Raumes.

Ein Touristenmekka hatte nach langer Geduld die Nase voll vom Homo Freizeitensis, vor vier Jahren schon. Damals waren drei Italiener im Strandlook einkaufen gegangen in ein Shopping-Center von Barcelona. Nicht so anständig wie unser Strandlatschi im Coop, sondern cooler noch: fasernackt. Was am FKK erlaubt ist, sollte man nicht so spiessig sein, im Supermarkt zu verbieten, oder? Der Freizeitmensch tut doch nichts Böses, er will nur spielen; also gebühren ihm auch alle Freiheiten, nicht wahr? Muss man ihn wegen altbackener Vorwürfe wie «Erregung öffentlichen Ärgernisses» noch verfolgen und versohlen? Ja, muss man.

In Barcelona gingen die Leute darauf im Protest auf die Strasse. An Häuserwänden tauchten nie zuvor gesehene Parolen auf: «Tourist go home!» Und das in «Dancelona», jährlich besucht von dreissig Millionen Freizeitvögeln, die zu vierzehn Prozent lokaler Wirtschaftsleistung beitragen, zu 120 000 Arbeitsplätzen verhelfen. Jetzt empfanden die Einheimischen das nicht mehr als Segen, sondern als Fluch. In früheren Fischer- und Arbeitervierteln gabs inzwischen mehr Touristenbetten als dauerhaft wohnhafte Einheimische. Dann zog die Bürgermeisterin die Notbremse: Sie verhängte ein Moratorium für neue Hotels und Ferienwohnungen. Sie versuchte, den Einfall der Freizeit-Heuschrecken indirekt zu drosseln.

Mittlerweile folgen nicht bloss andere Städte oder Touristenorte dem Beispiel der Bürgermeisterin von Barcelona, sondern wenden solche Mittel direkt an: In Palma de Mallorca verbietet die Regierung ab 1. Juli glattweg die Vermietung von Ferienwohnungen über Airbnb. Venedig stellte in diesen Tagen an engen Stellen Drehkreuze auf, die sich bei viel Andrang eben nicht mehr drehen. Der Strom der Freizeithorden ist damit unterbunden. Hochhausweise aber landen die auch mit Kreuzfahrtschiffen, ungeachtet des Drecköls, das die Riesen verbrauchen und in die Luft pesten, ungeachtet des Schadens, den die Wasserverdrängung anrichtet. Venedig verlor in zwanzig Jahren ein Drittel seiner Bevölkerung. Alle anderen wollen «Venedig sehen und sterben». Oder wars Napoli, vielleicht gar Capri? Dem Pauschaltouristen ist das schnuppe. Wer wirklich dran stirbt, ist ja nur die Stadt selber.

Die schiere Zahl des Ferienmenschen ist das eine. Seine Art, sich in Szene zu setzen, das andere. Würden sich Biertourist und Strandnixe benehmen, hätten die Destinationen, die von ihnen heimgesucht werden, eventuell weniger Anstände mit ihnen. Gegen die Dauerparty-Vulgarität aber gehen lokale und regionale Behörden zunehmend schärfer vor. Da wundert sich ein Pärchen, wieso ihnen nach ein wenig Sex am öffentlichen Strand in Florida, beäugt von Kindern, mehrjährige Haftstrafen drohen. Sieben Rucksacktouristen staunten in Kambodscha, als sie das Land verlassen mussten, nachdem sie an einer Party bei den Tempeln von Angkor Wat die Kinderfreude des säkularen Globetrotters ausgetanzt hatten. Für die Einheimischen wars Pornografie.

Lange hat sich die Branche bloss theoretisch überlegt, die Zahl der Touristen zu beschränken. Im vergangenen März war das erstmals offen ein Thema an der weltgrössten Tourismus-Messe, der ITB in Berlin. Da lernten wir ein neues Schlagwort: Overtourismus. Die Symptome dafür waren schnell genannt: Masse, Müll, Schmutz, hohe Preise, teure Mieten, Städte, die ihren ursprünglichen Charakter verloren. An die Bekämpfung der Seuche wagte man sich selten. Wer will einen Boom schon abwürgen? Mit welcher Legitimität will man Gästen Mores lehren, ohne als Taliban zu wirken? Und wie soll man Massen beschränken, sie einteilen in gute und schlechte Gäste?

Einem Mann war das schnurzegal. Er reiste auf eine «Trauminsel» und schnupperte in der Luft: Roch es am «Traumstrand» tatsächlich nach Scheisse? Der Mann ärgerte sich, liess aber nicht wie gewöhnlich Dampf ab über TripAdvisor. Er verfügte über mehr Einfluss, als Präsident der Philippinen: Rodrigo Duterte. Er schloss kurzerhand «das Paradies» für Besucher, die Insel Boracay. Hunderttausende von Touristen mussten ihren Trip stornieren. Bewaffnete Polizei hindert sie am Zugang zu den Fähren. Erst soll der Strand vom Müll befreit, dann die Kanalisation saniert werden. Plötzlich bekam Duterte Applaus für sein rabiates Vorgehen, auch im Westen; der gleiche Mann, der gegen Drogenhändler und -konsumenten vorgeht, indem er sozusagen zur Lynchjustiz aufruft. Und das Erstaunlichste: Selbst Leute auf Boracay selber, die bisher gut lebten vom Tourismus, fanden es eine richtige, wenn auch etwas forsche Massnahme.

Soll man Titlis, Jungfraujoch und Luzern abriegeln? Eiffelturm, Prag, Sölden im Ötztal und die Münchner Wiesn sperren, bis alle zur Besinnung kommen? Die ganze Costa del Sol von Benidorm bis Marbella schleifen und vernünftig neu bauen? Ehe es wirklich krank wird, nämlich dann, wenn die Chinesen in Scharen auch noch kommen, weil sie sich mit den läppischen Themenparks europäischer Attraktionen zu Hause nicht mehr zufriedengeben. Soll man spätestens dann satte Gebühren erheben, Billigflüge und Pauschalreisen verbieten, die Preise gnadenlos nach oben schrauben?

Wer sich je in einem Fünfstern-Resort mit Reichen zu Tode langweilte, ohne einen Hauch jenes Landes zu erschnuppern, wo sich alle gerade aufhielten, der wird niemals beim Geld die Schranke ansetzen. Hingegen darf man von jedem Einzelnen ein minimales Interesse für das Land fordern, wohin er reist: Ohne die Sprache dort zu kennen, mehr als bloss rudimentär, gibts kein Visum und keinen Trip! Voraussetzung sei wieder Respekt. Nicht zuletzt darin, wie man auftritt. Nicht mehr als Strandlatschi, sondern dezent, als Reisender.

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