Museen-Boom
Original ist besser als digital

Eine Analyse zum anhaltenden Boom der Museen – und warum es sie in einer digitalisierten Welt unbedingt braucht.

Sabine Altorfer
Sabine Altorfer
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«Wer meint, im Zeitalter der Digitalisierung hätten Museen ausgedient, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall.» Im Bild: Der Neubau des Landesmuseums Zürich. (Archivbild)

«Wer meint, im Zeitalter der Digitalisierung hätten Museen ausgedient, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall.» Im Bild: Der Neubau des Landesmuseums Zürich. (Archivbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Warum soll ich ins neue Landesmuseum, wenn ich doch Tausende von Bildern, Berichten, Objekten bequem im Internet finde? Gar mehr als das eben erweiterte Museum je ausstellen kann. Und dazu Trouvaillen, die nicht in Zürich lagern, sondern irgendwem irgendwo auf der Welt gehören.

Warum soll ich mich durch die immer grösser werdenden Kunstmuseen mühen, wenn ich deren Werke mit wahnsinnigem Zoom-Faktor im Netz ansehen kann. Und dazu Filme und Geschichten à discretion geliefert bekomme?

Doch wer meint, im Zeitalter der Digitalisierung hätten Museen ausgedient, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Der Museumsboom hält an: Erweiterungsbauten, neue Häuser entstehen. Von Basel über Chur bis Zürich. Weitere sind in der Pipeline: in Burgdorf, Lausanne, Zürich.

Für viele Menschen gehört der Besuch von Museen zu den liebsten Beschäftigungen in ihrer Freizeit, wie die Statistik des Bundesamtes für Kultur gerade diese Woche wieder belegte.

Das Internet ersetzt nicht den Besuch, sondern regt dazu an

Warum investieren die Leute Zeit und Geld, um in ein Museum zu fahren? Zum einen sind Museen «Sehenswürdigkeiten». Quasi touristische Pflicht. Kein Reiseführer, der sie nicht auflistet – neben Kirchen, Schlössern, Prachtstrassen, Naturreservaten oder hipper Architektur.

Wer nach Paris fährt, pilgert auch in den Louvre und das Centre Pompidou. Zum anderen sind die Museen Schatzkammern. Sie horten das Beste aus Kunst und Geschichte, vermitteln Wissen und Sehstücke aus Jahrhunderten. Selbst wenn die Besucher nur kleine Teile des Louvre schaffen – all die Köstlichkeiten aus Jahrhunderten durcheilen, um die Mona Lisa oder die Nike zu sehen, erahnen sie die Fülle, die hier zu entdecken wäre.

Was aber zieht die Menschen zur Mona Lisa? Man kennt sie doch. Ihr Lächeln, ihre Haltung, weiss von den Legenden, die um die Person kreisen. Doch nach Hunderten von Fotos will man die echte sehen. Das Original.

Besucherbefragungen von Museen haben gezeigt, dass wer im Internet einen virtuellen Rundgang gemacht hat, davon nicht von einem Museumsbesuch abgehalten, sondern dazu angeregt wird.

Vor dem Original kann man die berühmten wilden Pinselstriche van Goghs erkunden; hier steht man vor einem Auto, das vor 120 Jahren über leere Strassen tuckerte oder überlegt gerührt, dass die einfache Kugelvase von einem Menschen vor 3000 Jahren mit seinen Händen geschaffen wurde, dass er darin Wasser oder Öl aufbewahrte.

Diesen Dingen mit ihrer handwerklichen Ehrlichkeit, den über Jahrhunderte eingeschriebenen Spuren von Gebrauch oder Alterung glaubt man. Im Netz dagegen, das hat uns auch die Erfahrung gelehrt, können wir nicht allem trauen: Es fällt schwer zu beurteilen, was echt ist, was billige oder raffinierte Replik, was vergrössert oder aus dem Zusammenhang gerissen wurde.

Die Frage ist nicht, ob es noch Museen braucht, sondern welche

Mir scheint, die Frage, ob es noch Museen brauche, ist die falsche. Die Kernfrage lautet vielmehr: Welche Art Museum brauchen wir? Welche Art Museum lieben wir? Darin eingeschlossen ist die Frage nach den Aufgaben der Museen in der heutigen Zeit für die Gesellschaft, die Wissenschaft, die Künstlerinnen. Und wie sie das in Zukunft am besten leisten können.

Museen sind nicht Selbstzweck, sie sind Dienstleister. Für uns und kommende Generationen. Sie sammeln, leisten wissenschaftliche Arbeit – und vermitteln das an uns Normalverbraucher. Unsere Ansprüche sind dabei in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen.

Wir erwarten Ausstellungen, Führungen, Publikationen, die nicht Strafaufgaben gleichen, sondern so lustvolle wie lehrreiche Erlebnisse bieten, die Zusammenhänge aufzeigen, unseren Horizont erweitern, uns anregen und uns helfen, die Welt besser zu verstehen oder zumindest anders wahrzunehmen. A

ll die digitalen Instrumente können dabei bestens helfen: Sie liefern Informationen oder Tickets und sorgen vor allem dafür, dass Ausstellungen im 21. Jahrhundert nicht mehr nur als Einbahnstrassen der Wissensvermittlung funktionieren. Sie lassen uns aktiv teilhaben oder nutzen gar unser Wissen, unsere Erfahrungen. So machen Museen Spass – und so legitimieren sie ihre Zukunft.