Kommentar
Obama und die Frucht der Geduld

Beim historischen Handschlag in Kuba geht es für US-Präsident Obama nicht nur darum, das Kriegsbeil zu begraben.

Sandra Weiss
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Handschlag im Revolutionspalast in Havanna: Der kubanische Präsident Raúl Castro heisst seinen amerikanischen Amtskollegen Barack Obama willkommen. Der letzte US-Präsident war vor 88 Jahren auf der Karibikinsel.

Handschlag im Revolutionspalast in Havanna: Der kubanische Präsident Raúl Castro heisst seinen amerikanischen Amtskollegen Barack Obama willkommen. Der letzte US-Präsident war vor 88 Jahren auf der Karibikinsel.

KEYSTONE/EPA/MICHAEL REYNOLDS

Den richtigen Zeitpunkt abzupassen, ist höchste diplomatische Kunst. Obama wird diese Gunst nun zuteil. Bei seinem Besuch in Havanna geht es nicht nur darum, nach über 50 Jahren das Kriegsbeil mit der kleinen Karibikinsel zu begraben. Sein Spaziergang durch das noch kommunistische, aber nach kapitalistischen Investitionen lechzende Havanna signalisiert eine sanfte, aber triumphale Rückkehr der USA und ihrer Ideen von Markt und Demokratie – in ganz Lateinamerika.

Die letzten wegweisenden US-Initiativen für den Kontinent – die Gesamtamerikanische Freihandelszone FTAA und der Kolumbien-Plan zur Bekämpfung von Guerilla und Drogenhandel – sind über 20 Jahre alt. FTAA wurde von den linken lateinamerikanischen Regierungen als imperialistisches Projekt beerdigt. Man suchte lieber den Schulterschluss mit China, setzte auf Staat statt auf Markt oder suchte das Heil im Sozialismus.

Den USA gefiel das Treiben in ihrem Hinterhof zwar nicht, aber sie hielten diesmal bis auf wenige, verspätete und dilettantische Interventionen still. Jetzt trägt Washingtons Geduld Früchte: Während die Wirtschaft in Lateinamerika kriselt, die Linksregierungen von
Venezuela bis Argentinien wanken oder abgewählt werden, während China nach dem Verfall der Rohstoffpreise sein Engagement zurückschraubt, sind die USA plötzlich wieder präsent.

Kuba ist das sichtbarste Symbol. Dass Obama von Kuba nach Argentinien reist, wo gerade der bürgerliche Mauricio Macri als erstes das lästige Thema der Altschulden mit den US Hedge Funds angegangen hat, ist ebenfalls Teil der Charme-Offensive. Wählen die US-Amerikaner allerdings einen Donald Trump zum Präsidenten, der Migranten zurückschicken und eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten will, könnte die Eiszeit ganz schnell zurückkehren.