Bilanz
Obama, mein Präsident

Analyse zur Bilanz des 44. US-Präsidenten, dessen Ära längst nicht vorbei ist.

Fabian Hock
Fabian Hock
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Werte und Inspiration sitzen dank Obama tief verankert in einer ganzen Generation junger Menschen. Sie werden sich seine Ideale zu eigen machen.

Werte und Inspiration sitzen dank Obama tief verankert in einer ganzen Generation junger Menschen. Sie werden sich seine Ideale zu eigen machen.

EPA

Viel heisse Luft, Versprechen gebrochen, gescheitert. Was von acht Jahren Barack Obama übrig geblieben sein soll, liest sich vielerorts ähnlich. Das Gefangenenlager Guantanamo sei, anders als versprochen, immer noch da. Amerika sei so gespalten wie seit langem nicht, dabei habe er das Land doch vereinen wollen. Viele halten Obama zwar noch zu Gute, dass er sich die längste Zeit mit einem Kongress herumschlagen musste, dessen grösste Freude es war, sämtliche Vorhaben zu blockieren. Das wars dann aber auch. Unterm Strich bleibe nicht viel vom 44. US-Präsidenten. Und spätestens, wenn die Trump-Administration Obamas Gesundheitsreform und dessen Klima-Ambitionen zurückgedreht hat, sei überhaupt nichts mehr übrig. Ausser vielleicht ein zerstörtes Aleppo. Der schillernde Obama habe gut geredet und nichts erreicht.

Was für ein Unsinn!

Das Erbe von Barack Obama ist so viel grösser, nur lässt es sich nicht in einer Gegenüberstellung von Wahlversprechen und verabschiedeten Gesetzen erfassen. Obama impfte eine ganze Generation mit einem Stoff, der viel länger wirkt als bis zur Amtsübergabe, ja, seine volle Wirkung wohl erst in einigen Jahren, möglicherweise Jahrzehnten entfalten wird: mit Inspiration.

Charme und Coolness in einer Welt der Langweiler und Opportunisten

Anstand, Würde, Respekt – dank Obama fanden wir das acht Jahre lang in der Politik. Obama ist einer, der sein Amt skandalfrei ausübte in einer Welt der Bill Clintons und Geri Müllers. Einer, der Charme und Coolness versprühte in einer Zeit der Angela Merkels und Johann Schneider-Ammanns. Einer, der für Menschlichkeit steht zwischen all den Marine Le Pens und Andreas Glarners. Obama steht für Werte in einer Welt der Donald Trumps. Treffend formuliert es Charles M. Blow in der «New York Times»: Obama verkörpere, «was jede Generation nur hoffen kann, in einem Präsidenten zu haben». Das lässt sich weiterdrehen auf die ganze Welt: Obama ist auch mein Präsident.

Was hat man denn erwartet? Dass Obama kommt und in acht Jahren Gräben zuschüttet, die über Jahrzehnte, teilweise über Jahrhunderte gewachsen sind? Selbstverständlich konnte er das nicht. Diese falsche Erwartung hat mit dem Trend zu tun, in Politikern Problemlöser sehen zu wollen und nicht mehr Gestalter. Obama ist genau das: ein Gestalter. Indem er zum einen vorlebt, was sich viele von ihrer Gesellschaft wünschen. In der Familie etwa. Man muss schon ein kalter Hund sein, wenn einem die Worte, die Obama während seiner Abschiedsrede an seine Frau Michelle und die gemeinsamen Töchter richtete, keine Tränen in die Augen trieb. Er ist ein Gestalter, indem er einer ganzen Generation zeigte, dass man weder aus bestimmten Kreisen kommen – oder gar Leichen im Keller stapeln muss –, um in politische Ämter zu gelangen.

Obamas Erbe lässt sich auch von seinem Nachfolger nicht zerstören

Zum anderen gestaltet Obama mit seiner Politik: Dabei hat er nicht, wie so viele, auf den kurzfristigen Erfolg gesetzt. Sondern auf Klimapolitik. Ein Feld, auf dem man eigentlich nur verlieren kann. Hier hat er Weichen gestellt und damit genau jene Flüchtlingspolitik betrieben, die in Europa zwar alle propagieren, die aber keiner umsetzt: nämlich Fluchtursachen an der Wurzel zu bekämpfen. Der Klimawandel wird bald Millionen aus ihrer Heimat vertreiben – sofern gerade die USA jetzt nichts dagegen unternehmen. Obama hat es gar fertig gebracht, die so wichtigen Chinesen mit ins Boot zu holen. Sein Nachfolger Trump wird das alles nicht komplett zerstören können. Es ist wie mit der Atombombe, nur eben positiv: Auch wenn einzelne Beschlüsse zurückgedreht und Gesetze eingestampft werden, so lässt sich doch das einmal erlangte Bewusstsein nicht mehr aus der Welt schaffen. Das gilt für das Klima genau wie für all die Brücken, die Obama zu Fremden schlug.

Barack Obama ist ab Freitag nicht mehr Präsident. Aber er ist längst nicht fertig. Werte und Inspiration sitzen dank ihm tief verankert in einer ganzen Generation junger Menschen. Sie werden sich Obamas Ideale zu eigen machen. Und bald, in letzter Konsequenz, auch messbare politische Entscheide treffen. Für ein Urteil über die Ära Obama ist es daher zu früh. Denn genau genommen, beginnt diese Ära erst.

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