Wochenkommentar
Nur einer ist uns gut genug: Die Kritik nach dem WM-Aus bietet Einblicke in die Schweizer Seele

«Politische Frivolitäten erlauben wir uns nur selten. Das Ja zur MinarettInitiative vielleicht, doch ist danach irgendetwas passiert?» – Was wir aus dem WM-Aus der Schweizer Nati über unser Land lernen können, erklärt Chefredaktor Patrik Müller.

Patrik Müller
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Die Nati ist stabil auf hohem Niveau, trotz des Ausscheidens in den Achtelfinals an der WM.

Die Nati ist stabil auf hohem Niveau, trotz des Ausscheidens in den Achtelfinals an der WM.

Keystone

Unvorhersehbarkeit ist zu einem Merkmal unserer Zeit geworden. Auf Umfragen ist nicht mehr Verlass, das Volk wählt anders als vorhergesagt. In unseren Nachbarländern Frankreich und Italien regieren Präsidenten, die scheinbar aus dem Nichts gekommen sind. In Deutschland wackelt die vermeintlich unverrückbare Kanzlerin. Das häufigste Attribut für die Politik des US-Präsidenten lautet: Unpredictable. Unberechenbar. Und an der Fussball-WM irren sich die Experten geradezu systematisch. Viele der stärksten Mannschaften sind schon heimgereist.

Doch es gibt noch Gewissheiten. Auch im Fussball. Die Schweizer Nati erreicht an der WM den Achtelfinal, und dann ist Schluss, egal, ob sie dort auf leichtfüssige Argentinier oder rumpelnde Schweden trifft. Ebenso gewiss ist die Reaktion an der Heimfront: Enttäuschung, Empörung und die Erkenntnis, dass das Team keinen Schritt weiter ist als an den letzten Endrunden. Was stimmt. Treffend formulierte es unser Sportchef Etienne Wuillemin nach dem Schweden-Spiel: «Den Satz, ein WM-Achtelfinal sei nicht selbstverständlich, mag niemand mehr hören.» Wobei auch das stimmt: Der Achtelfinal ist nicht selbstverständlich. Die Deutschen werden das bestätigen.

Aufregend wie eine Bundesobligation

Die Nati ist stabil auf hohem Niveau. Sie erlebte, seit sie von Doppelbürgern geprägt wird, wenig Ausschläge nach oben und nach unten. Gibt es etwas Schweizerischeres als Stabilität? Länder wie Italien oder Griechenland, die notorisch im Chaos versinken, sind das politische und sportliche Gegenbild. Italien hat sich nicht einmal qualifiziert, wurde aber 2006 Weltmeister. Griechenland fehlt diesmal ebenso, holte aber 2004 den Europameistertitel. In diesen Ländern ist man mal zu Tode betrübt, mal himmelhoch jauchzend. Sie sind volatil wie Zockeraktien. Solche Ausschläge kennen wir nicht, der Kursverlauf der Nati erinnert an eine Bundesobligation.

Eigentlich wollen wir das ja. Stabil, sicher, berechenbar muss es sein. Politische Frivolitäten erlauben wir uns nur selten. Das Ja zur Minarett-Initiative vielleicht, doch ist danach irgendetwas passiert? Eskapaden werden in bedeutungslosen Parteiprogrammen ausgelebt (die SP will noch immer den Kapitalismus überwinden). Während andere europäische Länder mit 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit kämpfen, die Sezession ganzer Regionen abwenden müssen und unter Dauerbedrohung des islamistischen Terrors stehen, erreicht die Schweizer Politik den Siedepunkt, wenn zwei Bundesräte die Acht-Tage-Regel bei den flankierenden Massnahmen öffentlich hinterfragen. Oder wenn ein Fussballverbandsfunktionär den Doppelpass zur Debatte stellt. Man streitet, aber ändern wird sich nichts. Zu gut funktioniert es, wie es ist. Sogar die Postautos rollen verlässlich weiter. Die Verwaltung, Coop und Migros, die tüchtigen KMU: alles stabil auf hohem Niveau.

Neigung zum Mäkeln

Und trotzdem neigen wir zur Mäkelei. Denn noch höher als das Niveau sind die Ansprüche. Wir warten ohne zu murren auf ausländischen Flughäfen auf den verspäteten Abflug, aber wehe, in Kloten hinken die SBB dem Fahrplan drei Minuten hinterher. Wir sind in der Schweiz. Kantonsschul- und Firmenkantinen bieten Menüs, die ausländische Gäste verblüffen. Wir aber brummeln. Ärzte und Spitäler kritisieren wir bei jeder Gelegenheit. Bis wir einmal in einer ausländischen Praxis vier Stunden warten müssen.

Diese Neigung ist nicht schlecht, im Gegenteil. Mäkeln schützt vor Selbstzufriedenheit und bewirkt, dass wir uns täglich anstrengen. Dies im Zusammenspiel mit einer zweiten helvetischen Eigenschaft, der Abstiegsangst, also der Vorstellung, dass wir morgen nur noch Durchschnitt sein könnten, so wie die anderen. Darum sind wir gut darin, unseren Besitzstand zu verteidigen, und zugleich bereit, im vernünftigen Rahmen Risiken einzugehen, um noch besser zu werden.

Es dient somit der Sache, wenn wir nach dem WM-Aus im Achtelfinal enttäuscht und empört sind. Umso mehr, als noch nicht alle Nati-Spieler mit dem landesüblichen Selbsthinterfragen begonnen haben. Wie wollen sie so je den Viertelfinal erreichen? Womöglich wird dieser jedoch für immer unerreichbar bleiben. Ein Titelgewinn sowieso. Dazu bräuchte es auch Glück. Und wenn dieses verteilt wird, hätte es wirklich die Schweiz verdient? Gott hat uns schon Roger Federer gegeben.