Self-Scanning
Nur ein Zwischenschritt

Analyse zum Aufstieg der Self-Scanning-Kassen bei Coop und Migros.

Philipp Felber
Philipp Felber
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4000 Self-Scanning-Kassen betreiben Migros und Coop.

4000 Self-Scanning-Kassen betreiben Migros und Coop.

Chris Iseli

Zu Stosszeiten benutzen bereits bis zu 50 Prozent aller Migros-Kunden Self-Scanning-Kassen. Beim Konkurrenten Coop wurden seit 2013 1800 solcher Kassen in Betrieb genommen. Die beiden Zahlen zeigen: Kunden haben Self-Scanning-Kassen akzeptiert. Dabei ist wohl vielen klar, dass sie mit ihrem Verhalten die Jobs des Verkaufspersonals gefährden.

Coop und Migros beharren zwar darauf, dass durch die neuen Kassen kein Personalabbau geplant ist. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist dies nicht nachzuvollziehen: Coop und Migros sind beide darauf bedacht, die Kosten tief zu halten oder gar zu senken. Und die Self-Scanning-Kassen passen in dieses Konzept. Werden mehr solcher Kassen aufgestellt, bezahlen automatisch mehr Kunden dort. Was dazu führt, dass weitere bediente Kassen abgeschafft werden. Und so weiter. Und auch wenn es die Firmen gerne beteuern: Das gesamte ersetzte Verkaufspersonal kann nicht für die Kundenberatung eingesetzt werden, das rechnet sich nicht.

Amazon hat die Kassen gleich ganz abgeschafft

Was diese Entwicklung im Extremfall bedeuten kann, zeigt sich in Amerika. Dort hat Onlineriese Amazon einen Supermarkt eröffnet: Der erste, in dem es keine Kassen mehr gibt. Kameras erkennen Produkte und Kunden, der Einkauf wird beim Verlassen des Ladens über eine App bezahlt. Der Laden ist die konsequente Weiterführung des zugrunde liegenden Effizienzgedankens.

Der Archetyp des Detailhandels ist der bediente Tante-Emma-Laden. Kunden bestellten ihre Waren direkt bei der Verkäuferin, der Kunde zahlte und ging. Über die Jahre wurde das Angebot in den Detailhandlungen breiter. Die Folge: Kunden laufen selber durch den Laden und zahlen an bedienten Kassen. Mit der Einführung der Self-Scanning-Kassen gingen die Detailhändler einen Schritt weiter: Die bedienten Kassen erhalten Konkurrenz durch die Kunden, welche ohne Gegenleistung den Job des Personals übernehmen. Das passiert keineswegs das erste Mal. Doch jedes Mal ist das Prozedere mit einem Personalabbau verbunden. Ansonsten macht es für die Firmen keinen Sinn.

Beispielsweise erledigen wir heute zu einem grossen Teil unsere Zahlungen per E-Banking. Vorher musste ein Schaltermitarbeiter die Daten erfassen. Dasselbe beim Bancomaten: Während man früher sein Geld an einem bedienten Bankschalter geholt hat, machen dies die Kunden heute selber. Die Folge: Schalterpersonal wurde und wird noch immer eingespart. Als drittes Beispiel sei hier das Einchecken am Flughafen erwähnt: Sowohl das Check-in wie auch die Gepäckaufgabe können die Reisenden selber übernehmen. Und machen das gerne selber. Die SBB machen zudem neuerdings wieder vermehrt Werbung für den Billettverkauf über ihre App. Nun ist keine Kreditkarte mehr nötig, um über die App zu bezahlen. Logischerweise müsste auch dies Personalabbau zur Folge haben.

Die Folgerung, dass auch bei Coop und Migros irgendwann weniger Personal im Laden eingesetzt wird, liegt also nahe. Kunden scheint dies trotzdem nicht zu stören. Sie lassen sich vom vermeintlichen Tempogewinn an der Kasse, den weniger langen Warteschlangen ködern. Doch eigentlich ist diese Entwicklung aus Kundensicht unbefriedigend: Mehr Arbeit, aber keine sinkenden Kosten für Waren oder Dienstleistung. Das macht aus Konsumentensicht keinen Sinn. Das ist der Grund, warum die Entwicklung nicht bei der Gratisarbeit der Kunden haltmachen wird.

Verkaufspersonal hat über kurz oder lang ausgedient

Self-Scanning-Kassen, Billett-Apps und Bancomaten sind nur Zwischenschritte auf dem Weg hin zu einer noch weiterführenden Digitalisierung. Auch das erwähnte Beispiel mit dem kassenlosen Supermarkt in den USA ist nur ein Zwischenschritt. Denn noch immer müssen Kunden selber ihre Waren auswählen und einsammeln. Onlineshops wie Coop at Home oder LeShop sind wohl zukunftsträchtiger. Dort wählt der Kunde nur noch aus, der Rest entfällt.

Ob dies das Ende der Entwicklung ist? Kaum. Was aber sicher ist: Verkaufspersonal, das einzig die Einkäufe von Kunden abwickelt und keine anderen Aufgaben übernimmt, hat in dieser Form über längere Zeit gesehen ausgedient. Auch wenn einige Kunden die Self-Scanning- Kassen aus Prinzip nicht benutzen, um die Jobs der Verkäuferinnen und Verkäufer zu retten. Das ist löblich, verzögert die Entwicklung aber nur. Aufhalten lässt sie sich auf diese Weise nicht.