Analyse
Noch ist der IS nicht besiegt

Analyse zur heterogenen Koalition, die die irakische Stadt Mossul befreien will.

Artur K. Vogel
Artur K. Vogel
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Verkündet den Sturm auf Mossul am Montag, 18. Oktober 2016: Iraks Premierminister Haider al-Abadi, umgeben von hochrangigen Offizieren.
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Im Morgengrauen zogen die Streitkräfte Richtung Mossul.
Mossul Grossoffensive Irak IS
Mitglieder der irakischen Sondereinsatzkräfte gehen in Stellung.
Mitglieder der irakischen Sondereinsatzkräfte gehen in Stellung.
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Verkündet den Sturm auf Mossul am Montag, 18. Oktober 2016: Iraks Premierminister Haider al-Abadi, umgeben von hochrangigen Offizieren.

KEYSTONE/AP Iraq Prime Minister's Office

Seit Montag rückt eine 30 000-köpfige, aber äusserst heterogene Streitmacht auf Mossul vor, die Hochburg des sogenannten «Islamischen Staats» (IS) im Norden Iraks. Einheiten der irakischen Armee greifen von Süden und Südosten an, unterstützt durch die US-Luftwaffe. An ihrer Seite kämpfen Tausende sunnitische Milizionäre und Stammeskrieger, schiitische Milizen und rund 4000 Kämpfer (und Kämpferinnen) der Peschmerga, der Einheiten der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak. Im Grossraum Mossul sind auch Milizionäre der kurdischen Arbeiterpartei PKK präsent. Und die türkische Armee trainiert in der Region eine multiethnische Truppe aus Jessiden, Christen, Turkmenen und Schiiten, die mit rund 1500 Mann ebenfalls auf Mossul vorrücken soll.

Auch die reguläre Armee ist kein Garant gegen Kriegsverbrechen

Entscheidend wird sein, ob diese heterogene Koalition bis zur Befreiung der Millionenstadt hält – und wie sie sich aufführt. Nur die regulären irakischen Streitkräfte – von den USA ausgebildet und ausgerüstet – sollen in die Stadt einrücken. Die Peschmerga sollen Vororte und Ortschaften im weiteren Umland unter Kontrolle bringen. Ferngehalten werden auch die Schiitenmilizen, die für Fanatismus und Grausamkeit berüchtigt sind. Sie könnten sonst, wird befürchtet, nach der Eroberung der sunnitischen Stadt ähnlich wüten wie bislang die IS-Terroristen. Das würde zu neuen Flüchtlingsströmen und einer weiteren Destabilisierung des Iraks führen.

Doch selbst die reguläre irakische Armee ist kein Garant gegen Kriegsverbrechen. Amnesty International (AI) warnt vor Vergeltungsaktionen gegen die Zivilbevölkerung. In ihrem gestern veröffentlichten Bericht bezieht sich AI auf Mai und Juni, als die irakische Armee die Stadt Falludscha zurückeroberte. Tausende vor dem IS geflohene Zivilisten seien Opfer von Folter, willkürlicher Haft oder gar Mord geworden.

Zwischen Türken und Kurden gibt es ebenfalls akutes Konfliktpotenzial. In Syrien sowie in der Türkei selber gehen die Türken massiv gegen Kurdenmilizen vor. Sollte die Türkei aktiv in den Krieg um Mossul eingreifen, könnte diese Rivalität auch hier zum offenen Krieg führen. Und schliesslich sind sich die sunnitischen Stammeskrieger mit Support aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten und die Schiitenmilizen, die teilweise von Iran trainiert und finanziert werden, spinnefeind. Sollten sie aufeinanderprallen, wäre ein Gemetzel innerhalb der Anti-IS-Koalition denkbar.

Mossul hat für den IS strategische und symbolische Bedeutung. In der Grossen Moschee rief IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi – seither mehrmals totgesagt – im Juli 2014 das Kalifat aus. Laut IS-Propaganda soll die um jeden Preis verteidigt werden. Angeblich haben die Dschihadisten einen Graben um die Stadt gezogen und mit Öl gefüllt, das notfalls in Brand gesteckt werde. Auch von Tausenden von Sprengfallen ist die Rede. Erstes Ziel der Militäroperation ist es, die Stadt vollständig zu umzingeln, um IS-Kämpfer daran zu hindern, in syrische, vom IS kontrollierte Gebiete zu entkommen. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass wichtige Exponenten der Terrormiliz bereits aus Mossul abgeschlichen sind.

Die IS-Terroristen tragen ihren Krieg in andere Landesteile

Trotzdem rechnen Amerikaner und Iraker mit Wochen oder gar Monaten bis zur vollständigen Befreiung. Schon in Sindjar, Ramadi und Falludscha hatte der IS Hunderte Sprengfallen hinterlassen. Auch setzten die Dschihadisten Selbstmordattentäter ein, die Fahrzeuge voller Sprengstoff in Armeestellungen explodieren liessen. In der Kunst, mit wenigen, zu allem bereiten Fanatikern maximalen Schaden anzurichten, sind die IS-Terroristen Meister.

Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, mit der Befreiung Mossuls werde der IS tödlich getroffen. Und erst recht nicht, der Irak käme damit zur Ruhe. Vielmehr trägt die Terrormiliz ihren Krieg in andere Landesteile und in weitere Länder. Blutige Attentate, namentlich gegen Schiiten, sind im Irak an der Tagesordnung. Aus Syrien und Libyen werden immer wieder Übergriffe des IS gemeldet. Infiltrationsversuche nach Europa sind bekannt; neuerliche Attentate sind kaum vermeidbar. Und in weitere islamische Länder sickern die Dschihadisten und ihre extremistische Ideologie ein: Tunesien, Algerien, Malaysia, Indonesien, Pakistan, Bangladesch.

ausland@azmedien.ch