Echo-Musikpreis
Nie wieder!

Die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang gewannen den Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National - nach einer Debatte über ihre als antisemitisch kritisierten Texte. Der Gastkommentar zur Verleihung des Echo-Musikpreises.

Marianne Binder-Keller
Marianne Binder-Keller
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Antisemitismus-Vorwürfe gegen die deutschen Rapper Kollegah (rechts) und Farid Bang (links) haben die Verleihung der Echos in Berlin überlagert.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen die deutschen Rapper Kollegah (rechts) und Farid Bang (links) haben die Verleihung der Echos in Berlin überlagert.

KEYSTONE/EPA/CLEMENS BILAN

Etwa 80 Jahre nach einem der grössten Massenmorde in Europa werden zwei umstrittene Rapper, die gewaltverherrlichende und antisemitische Texte absondern, mit der Verleihung des wichtigsten deutschen Musikpreises geehrt. Ausgerechnet anlässlich des Holocaust-Gedenktages in Israel! Ausgerechnet in Deutschland. Ausgerechnet in Berlin.

Vor der Preisverleihung hatte der Ethikrat des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie die Texte diskutiert. Statt sie zu verurteilen, segnete er die Nominierung mit der Berufung auf die künstlerische Freiheit ab. Ausgerechnet in der Nähe einer Fassade mit einem Gedicht, das als beispielloser Übergriff auf die Kunst gerade überstrichen wird, das davon handelt, dass jemand Alleen und Blumen bewundert und Frauen. Denn Letzteres ist voyeuristisch. Es gibt Nachrichten, die machen mich fassungslos. Vor einer Woche wurde in Frankreich eine Holocaustüberlebende ermordet. Die «Zeit» berichtete von jüdischen Kindern, die gemobbt werden in Wohnquartieren mit vielen Migranten. In Berlin musste man ein jüdisches Kind von der Schule nehmen. Man hat ja nichts gegen Juden, aber ... Aber was!

Ich gehöre einer Generation an mit Eltern, die im Krieg geboren wurden. Meine Grossmutter, sie war Witwe, führte ein Hotel, wo sie jüdischen Flüchtlingen Unterkunft bot. Damit sie nicht abgeschoben wurden in den sicheren Tod, bürgte meine Grossmutter dafür, dass sie allesamt mit ihnen verwandt sei. Die Beamten drückten beide Augen zu. Meine Grossmutter war kein Einzelfall. Auch wenn wir im Nachhinein wissen, das Boot war leider längst nicht voll, die Schweiz hätte viel mehr Menschen aufnehmen können, habe ich grosse Achtung vor der Zivilcourage der Generation unserer Grosseltern. Sie lebten in einer aussergewöhnlichen Zeit. Ihre Erzählungen über den Nationalsozialismus und das Bedrückende eines Krieges vor unserer Landesgrenze, die Angst vor der Zukunft haben meine Kindheit geprägt.

Anne Franks Tagebuch gehörte zu unserer Standardlektüre. Ich las «Das siebte Kreuz» von Anna Seghers, las unzählige Familiengeschichten und Zeugenberichte über die Zeit des Nationalsozialismus. Ich besitze ein Buch mit Bildern über eine versunkene Kultur in Europa. Es sind drei Generationen jüdische Menschen, die ausgelöscht wurden. Später las ich die Protokolle der Nürnberger Prozesse. Etwa: Eine junge, elegant gekleidete Mutter kam mit ihren beiden Knaben in Dachau an. Ein Soldat nahm sie betont höflich in Empfang: «Bitte begrüsst den Herrn», mahnte die Mutter ihre Kinder. Der Mann führte die Knaben ein paar Meter weg und erschoss sie vor ihren Augen. Sie selbst überlebte als Einzige. Ihr Mann, ihre Eltern, ihre Schwester und die einzige Tante kamen alle um. Ihr Bruder verhungerte kurz vor Ende des Krieges. Das Entsetzen über dieses Unrecht und auch die Frage, wie solches in einer zivilisierten Gesellschaft möglich ist, hat mich umgetrieben. Für mich war eines selbstverständlich. Nie wieder!

Sich über die geschundenen Körper von Auschwitz-Insassen zu mokieren, erachte ich als absolute Verrohung von Leuten, die sich nicht einmal 80 Jahre Geschichtsunterricht merken können. Man anerkenne ihnen doch um Himmels willen diesen Preis wieder ab, damit nicht vergessen geht, was unvergessen bleiben muss.