Holocaust-Gedenken
Nie vergessen, was damals geschah

Am 27. Januar 1945 befreit die Rote Armee die Arbeits- und Vernichtungslager in Auschwitz. Anita Winter schreibt über die Wichtigkeit des Lernens und Lehrens und die Bedeutung der Menschlichkeit.

Anita Winter
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Der Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz.

Der Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz.

Keystone

Vor 76 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Das Erinnern an diesen Tag und an den Holocaust allgemein ist bedeutsam. Nun, da die letzten Zeitzeugen leider sterben, braucht es neue und auch verstärkte Ansätze in der Erinnerungskultur.

«Die Menschen haben aus dem Holocaust nichts gelernt». Nachdenklich war mein Vater, Walter Strauss, am Ende seines Lebens. In Berlin hatte er die Gräuel der Reichspogromnacht erlebt. Nur dank der Flucht in die Schweiz war er damals der Vernichtung ent­gangen. Auch wenn er hier ein gutes Leben aufbauen konnte, die Angst, dass die Normalität nur vorübergehend sei, ist geblieben, wie sich auch die Angst über die Jahre verstärkt hat, dass sich alles wiederholen könnte. Im vorletzten Jahr ist mein geliebter Vater verstorben.

Wir können diesem Hass etwas entgegenstellen

Rund um die Welt verstummen nach und nach die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Und bei denen, die noch leben, schwindet die Kraft, uns Orientierung in dieser Frage zu geben. So werden wir neue Mittel und neue Wege finden müssen, um zu lehren und um zu lernen. Denn notwendig ist dies heute mehr denn je: Auf vielen Pausenplätzen wird das Wort «Jude» wieder als Schimpfwort gebraucht, rechtspopulistische Parteien feiern Erfolge, Neonazis und Islamisten bedrohen oder ermorden Juden – hier in Europa, wo vor 76 Jahren Auschwitz befreit worden ist. Gerade auch die aktuelle Krise, die Corona-Pandemie mit den verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen, hat den Antisemitismus in Form kruder Verschwörungstheorien wiederaufflackern lassen.

Das Erinnern geht mit einer historisch-politischen Bildung einher

Ich bin überzeugt: wir können diesem Hass etwas entgegenstellen – und zwar die Erinnerung. Wir können etwas verändern, wenn auch die nächste Generation vom Holocaust noch weiss. Es geht darum, Kinder und Jugendliche zum kritischen Denken anzuregen. Sodass sie erkennen, dass der Holocaust sinnbildlich für Mechanismen steht, die sich unter bestimmten Voraussetzungen jederzeit wiederholen können. Sie sollen verstehen, dass es Handlungsoptionen gibt, wenn Menschen aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft, sexuellen Orientierung oder politischen Ansicht ausgegrenzt und verfolgt werden. Wir müssen aufzeigen, was Menschlichkeit bedeutet.

Lernen braucht kultursensible Formen des Erinnerns

Das Erinnern an den Holocaust geht also mit einer wichtigen historisch-politischen Bildung einher. Oder anders gesagt: Wer vom Holocaust nichts weiss, versteht nicht, wie fragil eine Demokratie letztlich ist. Er versteht nicht, wie aus einer Demokratie eine Diktatur entstehen kann. Er versteht nicht, dass man die Demo­kratie und die Menschenrechte verteidigen muss und verteidigen kann. Dies müssen wir den Jugendlichen erklären. Es ist unsere Verpflichtung gegenüber den letzten Zeitzeugen.

Nie gleichgültig sein und nie schweigen

Dieses historische Lernen braucht kultursensible Formen des Erinnerns. Gerade auch Kinder mit einem Migrationshintergrund haben oftmals Anknüpfungspunkte, um die Geschichte des Holocaust zu verstehen. Vertreibung und Flucht sind Themen, welche sie aus eigener Erfahrung kennen. Es braucht zweitens eine Bewegung hin zum digitalen Lernen. Wir müssen uns vermehrt dort bewegen, wo sich junge Menschen heute befinden. Im Internet. Das heisst, wir müssen die Geschichten der letzten Überlebenden konservieren, aufnehmen also, und digitalisieren. Wenn wir diese Arbeit jetzt nicht machen, ist es zu spät. Drittens: Es braucht einen Ort des Gedenkens und Erinnerns. Solch ein Gedenkort wäre ein wichtiges Bekenntnis von staatlicher Seite, das aufzeigen würde, was unsere Schweiz ausmacht, wie wir sein wollen, als Staatsbürger, vor allem aber – als Menschen.

Es geht darum, nie zu vergessen, nie gleichgültig zu sein und nie zu schweigen, nie! In einem Punkt wünsche ich uns, dass mein Vater nämlich nicht recht behalten soll – dass die Menschen aus der Geschichte nichts gelernt hätten.

Zur Autorin:

Anita Winter aus Zürich ist in Baden aufgewachsen. Ihre Eltern sind Holocaust-Überlebende. Winter ist Gründerin und Präsidentin der Stiftung Gamaraal, die Holocaust-Überlebende unterstützt und sich im Bereich Holocaust-Erziehungsarbeit engagiert.