Analyse
Nicht auf Kosten der Hunde

Die Analyse zur Abschaffung des obligatorischen Sachkundenachweises für Hundehalter.

Roman Huber
Roman Huber
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Für jeden Hund, den man sich zulegt, muss der praktische Sachkundenachweis erworben werden, Ersthundehalter benötigen zudem den theoretischen Ausweis. (Symbolbild)

Für jeden Hund, den man sich zulegt, muss der praktische Sachkundenachweis erworben werden, Ersthundehalter benötigen zudem den theoretischen Ausweis. (Symbolbild)

KEYSTONE

Jeder Ersthundehalter muss vor Erwerb eines Hundes den theoretischen Kurs für den Sachkundenachweis (SKN) absolvieren. Jeder Halter muss mit einem neuen Hund innert eines Jahres den praktischen SKN-Kurs besuchen. So will es seit 2008 das Gesetz. Der Ständerat hat sich mit 22 zu 18 Stimmen nun gegen dieses Obligatorium ausgesprochen. Begründung der Motion Ruedi Noser (FDP): Kein Rückgang der Vorfälle (laut Beissstatistik), Vollzug und Qualitätssicherung seien nicht optimal, ein Fünftel der zur Teilnahme verpflichteten Hundehalter würden die Kurse nicht besuchen.

Die daraus gezogene Konsequenz, wegen Nichtbefolgung eines Gesetzes dieses wieder aufheben zu wollen, mutet eher befremdend an. Das wäre, als würde man wegen nicht tieferer Matura-Durchfallquote, schlechten Lehrern und notorischen Schwänzern die Schulpflicht abschaffen. Nun, dieser Vergleich hinkt ebenso wie die Motion. Zwar findet diese Sukkurs: SVP-Nationalrat Sebastian Frehner, moniert, SKN-Kurse seien reine Geldmacherei, der Aufwand für die Durchsetzung des Obligatoriums wäre zu gross und vier Stunden seien zu wenig. – Mit der letzten Bemerkung hat Frehner allerdings recht.

Diskussion in die falsche Richtung

Die bislang geführte Diskussion um die Abschaffung des Obligatoriums geht in die falsche Richtung. So sind die Beissstatistiken irreführend: Was früher nicht der Rede wert war – wenn der eigene Hund im Spiel dem ungeschickt agierenden Kind in die Hand biss –, gelangt heute in die Beissstatistik. Wer sie heranzieht, muss vielmehr den Umkehrschluss machen: Obschon der Raum enger, Hektik und gesellschaftlicher Druck – auch durch strengere Hundegesetze – wachsen, gibt es erstaunlicherweise nicht mehr Bisse.

Der Schutz des Menschen vor dem Hund ist in den kantonalen Hundegesetzen festgeschrieben (die beiden Kammern waren unfähig, eine gesamtschweizerische Lösung zu finden). Der SKN in der Eidgenössischen Tierschutzverordnung hingegen dient dem Wohlbefinden des Hundes und dessen Schutz vor falschem Umgang, denn er soll als Präventionsmassnahme in erster Linie Wissen vermitteln. Unkenntnisse der Halter sind es nämlich, wodurch Hunde in Situationen geraten und dabei überfordert oder verängstigt sind, dass sie nicht anders können als zubeissen. Das ist die Realität, an der ein Wegfall der Kurspflicht sicher nichts ändern würde. Im Gegenteil.

Es fehlt vielen Haltern an Wissen

Wer als Fachperson durch den Alltag geht und Halter mit ihren Hunden beobachtet, stellt mit Ernüchterung fest, dass das Wissen über Bedürfnisse, Ausdrucksverhalten des Hundes und die Lerntheorie weitgehend fehlt. Da wird der Hund an der kurzen Leine ständig korrigiert, achtlos mitgerissen, die Individualdistanz missachtet und so weiter, sodass sich vielmehr die Frage stellt, ob die Kurspflicht – auch für den einen oder andern sogenannt erfahrenen Halter – nicht besser ausgeweitet statt abgeschafft werden soll. Wenn die vier Lektionen aber mit «Sitz-», «Platz-», «Fuss-Übungen» verbracht werden, muss man auch die Zweifel an der Qualität der Ausbildungen ernst nehmen.

Im SKN-Kurs geht es darum, den Hund richtig «lesen» und einschätzen zu lernen, damit ihn der Mensch mit dem erworbenen Wissen und dem gebotenen Respekt, gemäss seinen Möglichkeiten und denjenigen des Hundes weitgehend konfliktfrei durch den Alltag führen kann. Und wo die Qualität des SKN-Kurses stimmt, da wird aus dem «ich muss» nach vier Lektionen sehr oft ein «Danke, dass ich durfte.»

Der Gesetzgeber ist gefordert: Einerseits muss er die Durchsetzung des Obligatoriums gewährleisten, wie es bis jetzt nur in einigen Kantonen und Gemeinden vollzogen wird; anhand der Datenbank Amicus ein lösbares Problem. Andererseits ist es nach acht Jahren SKN notwendig, die Verordnung, Organisation und Inhalte zu überprüfen, so auch das Online-Theoriekursangebot, wo der Erfahrungsaustausch in der Gruppe nicht möglich ist.

Der Bund sollte zudem die Ausbildungsstätten – wie diese ihre ausgebildeten Trainer – dahingehend überprüfen, ob das, was vermittelt wird, tatsächlich dem Ziel des SKN dient, wie es in der Tierschutz-Ausbildungsverordnung (Art. 33–35) steht. Eine Unité de Doctrine wird es im Hundewesen zwar kaum je geben. Doch wäre es die beste Gelegenheit, auf Gesetzesebene mit Dominanz-Methoden, Meideverhalten (Zufügen von Schmerz und Versetzen in Angst) und andern aversiven Erziehungsmitteln aufzuräumen.