G20-Gipfel
News aus der Kampfzone

Die Kolumne zum Versuch, eine neue Weltordnung zu finden – auch heute, am G20-Treffen.

Thomas Straubhaar
Thomas Straubhaar
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Teilnehmer der Demonstration "G20-Protestwelle" letzten Sonntag in Hamburg auf dem Rathausmarkt.

Teilnehmer der Demonstration "G20-Protestwelle" letzten Sonntag in Hamburg auf dem Rathausmarkt.

Keystone/DPA dpa/A4211/_MARKUS SCHOLZ

Für einmal eine Kolumne mitten aus der Kampfzone. Heute und morgen kommen in Hamburg die Staats- und Regierungschefs der G20 zusammen. Sie vertreten die Gruppe der grössten Volkswirtschaften, zu denen permanent auch die Schweiz gehören müsste, würde man das nationale Bruttoinlandprodukt in US-Dollar umrechnen und nicht in Kaufkrafteinheiten messen.

Die Hansestadt ist im Belagerungszustand. Tausende Polizisten, Zigtausende Demonstrierende und Hunderttausende mehr oder weniger Unbeteiligte werden durch Personenkontrollen, Verkehrschaos und Sperren in Atem gehalten. Wozu soll das Ganze gut sein? Warum nicht ein Gipfeltreffen auf der Insel Helgoland oder einem Flugzeugträger abhalten anstatt in der Grossstadt Hamburg? Warum nicht überhaupt Video-Konferenzen organisieren, anstatt persönliche Anwesenheit anzustreben in Konferenzsälen, die zu Hochsicherheitsräumen umfunktioniert werden? Ähnliche Fragen, wie sie sich Jahr für Jahr beim World Economic Forum in Davos auch für die Schweiz stellen.

Der G20-Gipfel dient der bitter notwendigen Suche nach einer neuen Welt(wirtschafts)ordnung. Niemand hat daran ein grösseres Eigeninteresse als Europa – und auch für die mit der Aussenwelt immens intensiv verflochtene Schweizer Wirtschaft ist von grösster Bedeutung, was in Hamburg passiert. Oder eben auch nicht, wenn – wie es zu erwarten ist – die Abschlusserklärung nicht über zahnlose Absichtserklärungen herauskommen wird.

Die alte Weltordnung war ein Kind der Nachkriegszeit und ein Erbe Amerikas. Sie baute auf westlichen Werten und strebte nach einem Rechtsrahmen, der universal, überall gleich gelten sollte. Der Westen – angeführt von den USA und der Europäischen Union (EU) – bestimmte die Regeln, und die übrige Welt musste danach spielen. Wer nicht freiwillig spurte, wurde politisch, militärisch oder wirtschaftlich gezwungen. Sanktionen, Boykotte, Blockaden, wenn es sein musste auch (amerikanische) Truppen, sorgten weltweit für Recht und Ordnung.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann der Siegeszug der Globalisierung. Alles schien möglich. Kapitalismus und Demokratie hatten gesiegt. Noch nicht überall, aber es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis das Ende der Geschichte erreicht sei. Ein Irrtum. Globalisierung brachte weder Frieden noch eine weltweite Angleichung der Lebensbedingungen. Vielmehr führte sie zu einer Verschiebung der Macht zwischen den Spielern auf dem weltwirtschaftlichen Parkett. China, Indien, die aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien und Lateinamerika drängten auf die Bühne der Welt. Russland, die Türkei und der Iran kämpfen um einen Platz in einem multipolaren Gleichgewicht der Kräfte. Sie alle wollen mitreden, wenn es um die Gestaltung gemeinsam getragener Spielregeln geht, wie einzelne Länder in Zukunft friedlich miteinander umgehen sollen, und wer im Streitfall als Schiedsrichter mit welchen Mitteln über Recht und Unrecht entscheidet.

Anders als erwartet und versprochen, hat die Globalisierung die Lebensbedingungen polarisiert – stärker noch innerhalb als zwischen den Volkswirtschaften. Wer sein Geld mit den Händen verdienen muss(te), fiel gegenüber den Kopfarbeitern zurück. Das ist nicht weiter verwunderlich. Globalisierung bedeutet ja nichts anderes als eine Vermehrung der Konkurrenz um Arbeitsplätze. Arbeitsintensive Tätigkeiten wanderten in die aufstrebenden Volkswirtschaften ab. Im Westen wechselten Betroffene aus der Industrie in den oft schlechter bezahlten Dienstleistungssektor. Zunehmend – und durch Digitalisierung beschleunigt – macht(e) sich das Gefühl des Absteigens, des Vernachlässigtwerdens breit. Ironischerweise ist es deshalb der Westen selber, der die alte Weltwirtschaftsordnung implodieren lässt. In den USA sammelte Donald Trump die Unzufriedenen ein, in Grossbritannien waren es die Brexit-Befürworter.

Klimawandel, Umweltzerstörung, Massenmigration, Cyberkriminalität und Terrorismus sind die Themen, für die es neuer, weltweit gültiger Lösungen bedarf. Sie zu finden, muss Ziel aller politischen Anstrengungen sein – gerade europäischer und auch schweizerischer Interessen wegen. Von Kompromissen und Erfolgen ist man da weiter entfernt denn je. Ein G20-Gipfel kann nicht mehr als ein Symbol schaffen. Dafür aber hätten auch die Insel Helgoland oder ein Flugzeugträger gereicht.

Thomas Straubhaar, Schweizer Ökonom in Hamburg

Der Autor, geboren 1957 im Kanton Bern, ist Professor an der Universität Hamburg, mit einem Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsbeziehungen. 2008 bis 2011 gehörte er dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration an.