Meiereien
Neulich in der Stadt

Jörg Meier
Jörg Meier
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Im Ausgabenfach des Bancomaten lagen bereits 500 Franken. (Symbolbild)

Im Ausgabenfach des Bancomaten lagen bereits 500 Franken. (Symbolbild)

KEYSTONE

Auf dem Weg in die Stadt hatte mir ein Kollege von einem jungen Asylbewerber aus Eritrea erzählt, der ein talentierter Läufer sei, sich aber keine eigenen Laufschuhe leisten könne und sich deshalb schäme, am Lauftraining im Club teilzunehmen, und alleine trainiere. In der Stadt trennten wir uns; ich ging zum Bancomaten, um Geld abzuheben. Als ich die Karte in den Schlitz stecken wollte, sah ich, dass sich im Ausgabefach bereits ordentlich viel Geld befand. Ich zählte die Noten und staunte: Da lagen die 500 Franken, die ich abheben wollte. Einen Moment lang war ich unsicher, ob ich vielleicht – in Gedanken noch immer beim schuhlosen Läufer aus Afrika – die 500 Franken unbewusst abgehoben hätte; man tut ja oft Dinge, an die man sich kurze Zeit später nicht mehr erinnern kann.

Doch rasch war klar: Die 500 Franken gehörten nicht mir, die hatte jemand liegen gelassen. Ich steckte das Notenbündel ein und brachte es tapfer in die nahe Filiale der Bank. Ich stellte mich brav hinter die Frau, die mit der Angestellten am Schalter eifrig diskutierte. Die Frau war verärgert. Sie habe 500 Franken am Bancomaten abheben wollen, sagte sie, aber der Automat funktioniere nicht. Ich ahnte, dass ich das Geld bei mit trug, das die verärgerte Frau hatte abheben wollen.

Exgüsi, sagte ich da, der Automat funktioniere schon. Ich zückte das Notenbündel. Das gehöre wohl ihr, sagte ich zur Frau; ich hätte es im Automaten gefunden. Moment, rief da die Bankangestellte und verlangte das Geld. Ich gehorchte, sie zählte die Noten und sagte: Tatsächlich, genau 500 Franken. Sie überreichte das Geld der Frau. Diese sagte recht freundlich danke und versorgte die Noten in der Handtasche. Dann verliess ich die Bank, ging zurück zum Bancomaten und hob meine 500 Franken ab. Es klappte tipptopp.

joerg.meier@azmedien.ch