Fahrländer
Nancy Holten: ein Produkt der Mediengesellschaft

Im Fricktal sorgt eine Holländerin immer wieder für Schlagzeilen. Mittlerweile kennt man sie weit über das Fricktal hinaus. Warum ist sie berühmt? Eine Kolumne.

Hans Fahrländer
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Nancy Holten, als sie ihre Klage gegen des 6-Uhr-Läuten eingereicht hatte. (Archiv)

Nancy Holten, als sie ihre Klage gegen des 6-Uhr-Läuten eingereicht hatte. (Archiv)

Lucas Zeugin

Die aktuell berühmteste Fricktalerin ist eine Holländerin. Sie trägt den Namen Fricktal via Soziale und Boulevard-Medien ins ganze Land hinaus. Auf Berichte über sie hagelt es jeweils Kommentare, vor allem entrüstete («Shitstorm über Gipf-Oberfrick!», «Mediensüchtige sucht neue Auftritte!»), aber auch eifrig unterstützende.

Sie haben es sicher längst gemerkt, liebe Leserinnen und Leser, und sich vielleicht geärgert, dass «die» jetzt auch noch in dieser Spalte beehrt wird: Die Rede ist von der umtriebigen Hobbyjournalistin Nancy Holten. Sie hat sich zunächst als vegane Mutter von drei Töchtern, die sie, mit unterschiedlichem Erfolg, ebenfalls zu Veganerinnen erziehen will, profiliert. Hernach stürzte sie sich in dichter Reihenfolge auf die Themen Kirchenglockenverbot, Kuhglockenverbot sowie auf ein Verbot von Tieren im Zirkus – und liess schliesslich verlauten, sie möchte nun Schweizerin werden.

Uns geht es hier nicht um die einzelnen Themen. Uns interessiert vielmehr das Phänomen: Warum ist Nancy Holten berühmt? Es ist ihr ja (bisher) bei keinem Thema gelungen, eine Bewegung auf die Beine zu stellen. Als sie anlässlich der Nock-Premiere vor dem Zelt mit Pizzaschachteln gegen Zirkustiere protestierte, waren neben ihr noch vier Personen auf dem Pressebild zu erkennen. Trotzdem gab es dieses Pressebild.

Es war unter anderen der kürzlich allzu früh verstorbene Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof, der die Phänomene der Mediengesellschaft und der «Medialisierung» untersucht hat. Er hätte am Fall Nancy Holten seine helle Freude gehabt, bestätigt das praktische Beispiel doch aufs Schönste die Theorie: Es gibt kaum mehr allgemeingültige Kriterien der Relevanz, der Wichtigkeit eines Ereignisses für die Öffentlichkeit.

Will ein Akteur bekannt werden, muss er dazu keine besondere Leistung mehr vollbringen, er muss es lediglich verstehen, das Interesse der Medien zu wecken. Die Medien sind permanent auf der Suche nach Aussergewöhnlichem und ein bisschen Klamauk. Die neue Relevanz heisst «Interessanz».

Solch süffige Stoffe rutschen – in der Herstellung wie in der Verdauung – leichter hinunter als aufwendige gesellschaftliche Recherchen. Medienmacher und Medienkonsumenten schieben sich dabei gegenseitig den schwarzen Peter zu: «Die bringen nur noch solches», sagen die Konsumenten. «Die wollen nur noch solches», sagen die Macher.

Sind wir mit Nancy Holten zu hart ins Gericht gegangen? Wie gesagt, wir äussern uns nicht zu ihren Themen. Was einfach auffällt: Sie bringt sie in schwindelerregender Dichte. Hätte sie ein echtes Anliegen, würde sie beharrlich dafür kämpfen, würde Argumentarien verfassen, Mitstreiter suchen, den Weg aufs politische Parkett ausloten. So aber, nur angetupft, bleibt von den Themen wirklich nur noch der Klamauk. Und so entsteht eben der Verdacht «mediengeil».