Mail aus Amerika (11)
Nächster Halt: Rassismus

«Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller hält sich zurzeit für eine Weiterbildung in Boston auf. In seinem Mail aus Amerika schreibt er heute über die Rassenfrage in Donald Trumps Amerika.

Patrik Müller
Patrik Müller
Drucken
Teilen
Solche Szenen gab es vor 1947 nicht: In der obersten US-Baseball-Liga, der MLB, durften Schwarze nicht mitspielen. (Archivbild)

Solche Szenen gab es vor 1947 nicht: In der obersten US-Baseball-Liga, der MLB, durften Schwarze nicht mitspielen. (Archivbild)

AP

Die Red Sox sind der populärste Sportclub in Boston. In und um den Fenway Park, das legendäre Baseball-Stadion, finden an Spieltagen wahre Volksfeste statt. Doch über den Red Sox liegt ein Schatten der Geschichte. Im US-Baseball herrschte bis 1947 Apartheid: In der obersten Liga, der MLB, durften Schwarze nicht mitspielen. Ein Verfechter der Rassentrennung war der damalige Red-Sox-Besitzer Tom Yawkey. Er weigerte sich auch nach 1947, in seinem Team schwarze Spieler aufzustellen.

Trotzdem wurde Tom Yawkey mit einer nach ihm benannten Strasse und Bahn-Haltestelle geehrt. Heute gehören die Red Sox dem linksliberalen Milliardär John Henry, der auch die wichtigste Zeitung der Stadt besitzt, den «Boston Globe». Henry forderte die Stadtbehörden auf, den «Yawkey Way» umzubenennen. Letzte Woche folgte eine Kommission seinem Vorschlag. Man fragt sich: Warum gerade jetzt und nicht schon vor Jahrzehnten?

Um die Frage zu beantworten, kommt man nicht um die fünf Buchstaben herum: Trump. Seine Wahl hat die Rassenfrage virulenter gemacht und die Sensibilität erhöht. Man spürt es an Harvard, wo der Druck, den Anteil schwarzer Studenten zu erhöhen, zugenommen hat. An der Abschlussfeier wird der schwarze Bürgerrechtler John Lewis Hauptredner sein.

Auch Unternehmen stehen unter Beobachtung, wie ein Vorfall in einem Starbucks-Café zeigt: Zwei Schwarze wollten aufs WC, ohne etwas zu konsumieren, worauf das Personal die Polizei rief. Deshalb entschied Starbucks, am 29. Mai alle 8000 US-Filialen zu schliessen, für eine Anti-Rassismus-Schulung.

Und als letzte Woche der schwarze Rapper Kanye West in einem Tweet schrieb, er liebe Donald Trump, löste das einen Medien-Sturm aus. Trump, der als «Präsident der Weissen» gilt, sagte darauf, wenn es den Republikanern gelinge, in der schwarzen Bevölkerung nur schon 5 Prozent zuzulegen, seien die Demokraten für immer erledigt.

Man könnte es auch anders ausdrücken: Gelingt es den Republikanern nicht, bei African- Americans und Hispanics zuzulegen, sind sie für immer verloren. Denn der Anteil der Weissen, der treusten Republikaner-Wähler, sinkt. Darum wird im Buch «Can It Happen Here?», das vom Aufstieg nationalistischer Bewegungen handelt, eine interessante These vertreten: Trump ist nicht der Anfang eines rechtsnationalen Zyklus. Sondern sein Abschluss.