Wochenkommentar
Nach den Anschlägen in Paris: Was wäre wenn? Der Terror wirkt eben doch...

Hand aufs Herz: Haben Sie sich in den vergangenen zwei Wochen nie gefragt, was wäre wenn ...? Die Terrorgefahr verändert unser aller Verhalten. Es ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Trauernde vor dem Bataclan.

Trauernde vor dem Bataclan.

Keystone

Seit den Attentaten vom 13. November in Paris rufen sich alle Durchhalteparolen zu: Wir lassen uns unsere Kultur, unsere Lebensweise, unsere offene Gesellschaft nicht zerstören!

Jetzt erst recht nicht – es wäre ein Sieg für die Terroristen! François Hollande sagte: «Wir ergeben uns weder der Angst noch dem Hass!» Angela Merkel sekundierte: «Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.»

US-Präsident Barack Obama mahnte: «Diejenigen, die glauben, sie können das französische Volk oder die Werte, für die es steht, terrorisieren, liegen falsch.»

Leider wirkt es derzeit eher so, als liege der US-Präsident falsch. Da gibt es zum einen ständig neue Drohungen: Brüssel war wegen Hinweisen auf Terroranschläge während Tagen lahmgelegt.

Das Fussballstadion von Hannover musste unter dramatischen Umständen geräumt werden. Air-France-Maschinen wurden nach Drohungen umgeleitet. Irgendein besitzloser Koffer im Bahnhof Bern führte zu Angst und Chaos.

Die Terrorgefahr verändert unser Verhalten
Zum anderen gibt es diffuse Ängste. Hand aufs Herz: Haben Sie sich in den vergangenen zwei Wochen nie gefragt, was wäre wenn ...? An der Premiere des Weihnachtszirkus’ «Conelli» in Zürich dominierten in der Pause nicht Trapeznummern die Gespräche, sondern Mutmassungen, wie einfach Terroristen hier Schreckliches anrichten könnten – mit Hunderten Zuschauern, Showgrössen, Stadt-, Regierungs- und alt Bundesräten im Zelt.

Am Donnerstag fand im Campussaal Brugg ein Podium vor 800 Gästen aus der Aargauer Wirtschaft statt. Was wäre wenn...? Und wie ist das zu Stosszeiten auf der überfüllten Passerelle im Bahnhof Basel? Lehrlinge der AZ Medien planen eine Reise nach Bordeaux – über Paris wollen sie nicht mehr reisen, also nehmen sie Flugzeug statt TGV. Und soll man in den kommenden Wochen wirklich Weihnachtsmärkte besuchen, Symbole unserer christlichen Kultur?

Das «Swiss Media Forum», der Kongress der Medienbranche, musste Ende Mai auf behördliche Anordnung hin unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden und teilweise vom KKL Luzern auf ein Vierwaldstätterseeschiff verlegt werden, das von Polizeibooten und –helikopter begleitet wurde. Würden die Organisatoren heute den Chefredaktor jener dänischen Zeitung noch einladen, die einst die provokativen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte? Wohl kaum.

Dann erfährt man tröpfchenweise Details von drei Irakern, die nach einem Hinweis eines ausländischen Geheimdienstes in der Schweiz verhaftet wurden. Sie sollen hier eine IS-Zelle gebildet und einen Terroranschlag geplant haben. Sie wohnten in Baden, Schlieren, Schaffhausen und Winterthur. Können wir sicher sein, dass keine Terroristen unter uns leben?

Terrorismus, der Faschismus des 20. Jahrhunderts
Wer hat sich nicht schon gefragt, ob auch hier ein Terroranschlag erfolgen könnte? Einerseits exponieren wir uns als unwichtiger Kleinstaat weniger als kriegsführende Grossmächte.

Andererseits könnten sich Terroristen auch sagen: Was erschüttert die Welt mehr, als wenn sogar ein friedliches Land nicht mehr vor uns sicher ist? Gestern ist eine IS-Videobotschaft aufgetaucht (deren Echtheit nicht restlos feststeht), wonach die Schweiz auf einer Liste von 60 Staaten steht, die bekämpft werden sollen.

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad bezeichnet den Terrorismus im Magazin «Focus» als den «Faschismus des 20. Jahrhunderts» und schreibt: «Wie hat man den Faschismus besiegt? Mit einem gnadenlosen Krieg mit vielen Opfern und danach mit einem Marshallplan für Deutschland. Doch Europa ist viel zu müde und satt, um diesen langwierigen Krieg zu verkraften.»

Wie Europa den Terror bekämpfen kann, wird sich zeigen. Bereits heute ist gewiss: Er wird uns und unsere Gesellschaft verändern – Durchhalteparolen hin oder her. Einen Teil unserer Unbeschwertheit haben wir bereits verloren.

Das Gute im Schrecklichen immerhin ist dies: Der Mensch gewöhnt sich an alles, selbst an Terror. Denn auf Dauer haben wir keine Chance, uns allzu sehr anders zu verhalten und allen Gefahren auszuweichen– wir müssen zur Arbeit, wir wollen an Fussballspiele, wir können uns gar nicht allen Risiken entziehen.

Terror ist ein übles Geschwür. Das ist vergleichbar mit einer Krankheit. Wir können noch so gesund leben und trotzdem krank werden. In diesem Fall müssen wir die Krankheit bekämpfen, die Nebenwirkungen ertragen und gleichzeitig unser Leben so weit möglich weiterleben.