Gastkommentar
Mütter sind an allem schuld

Gastkommentar von Prof. Dr. Margrit Stamm zu den Erwartungen an Eltern: «Was wir brauchen, ist eine neue Familienpolitik und eine Redimensionierung der Erwartungen.»

Margrit Stamm
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Die Entwicklung der Kinder hängt stark von der Mutter ab.

Die Entwicklung der Kinder hängt stark von der Mutter ab.

Keystone/DPA dpa/UWE ANSPACH

Mütter sind schuld. Und zwar an so ziemlich allem, wenn es um die Entwicklung von Kindern geht. Dahinter steckt eine durchdringende Ideologie, die mit ihren mächtigen Schlagworten sogar selbstbewusste Mütter unter Druck setzt.

Margrit Stamm

Professorin emerita für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education
in Bern.

Mutterschaft wird verklärt. Tritt der Traum vom eigenen Kind ins Leben, schwelgen Frauen nicht nur im Glück, sondern auch in Zukunftsplänen. Mit oder ohne Partner können sie neuerdings frei entscheiden, ob sie lieber einen Benjamin oder eine Anna hätten und wie, wo und wann das Kind zur Welt kommen soll. Solche Wahlfreiheiten passen zwar gut zu unserer individualisierten Gesellschaft, doch sobald Frauen Mütter werden, ändert dies grundlegend. Das Kind ist nicht mehr Geschenk, sondern Verpflichtung.

Der Druck auf Mütter ist nie grösser gewesen als heute, und das beginnt schon nach der Zeugung. Was liest man nicht alles darüber, was werdende Mütter in der Schwangerschaft falsch machen und weshalb sie dem ungeborenen Kind schaden. Und wenn das Kind geboren ist, sollen sie es mindestens ein Jahr stillen sowie Attachment Parenting (stete körperliche Nähe und umgehende Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse) und Co-Sleeping (Kind schläft im Elternbett) praktizieren.

Selbstverständlich kann man dafür oder dagegen sein, es gibt für jede Position genug Pro- und Contra-Begründungen! Doch verblüffend ist, dass Frauen all die neuen Forderungen einfach so anwenden. Offenbar gibt es für sie keinen anderen Weg als diesen propagierten, der ihnen alles abverlangt.

Adrian Sutter, Pfarradministrator in St. Agatha und St. Josef in Dietikon «Liebe Mammä, Deine positive und aktive Lebensart ist bewundernswert. Wie Du mit schwierigen Menschen und herausfordernden Situationen und verletzenden Ereignissen umgegangen bist, ist für mich inspirierend und beispielhaft. Dich als Mutter zu haben, ist für mich eine Segenserfahrung! Im Bild: Adrian Sutter mit seiner Mutter Rita-Maria
12 Bilder
Sarah Heldner «Liebe Mama, ich weiss Du bist vielbeschäftigt… und doch findest Du Zeit für meine drei Kinder, wenn ich mal wieder kurzfristig selber etwas erledigen muss – oder einfach einen Augenblick der Hektik entfliehen will. Danke für deine Flexibilität, danke für alles!»
Rolf Sommer, Schauspieler aus Schlieren «Liebes Mammi, weisst Du eigentlich, wie cool Du bist? Ich meine nicht diese aufgesetzte Rapper-Coolness. Nein, Du hast Deine ureigene, fröhliche Gelassenheit allen Menschen gegenüber. Wo Du hinkommst, geht die Sonne auf. Als ich Dir anvertraute, dass ich schwul bin, sagtest Du, das hättest Du Dir schon gedacht. Als ich Dir sagte, dass ich Schauspieler werden möchte, sagtest Du: ‹Endlich merkst Du’s.› Und Dein Zitat ‹Jedes eso wiä’s mecht› ist in meinem Freundeskreis ein geflügeltes Wort. Ich liebe Dich!»
Vanja Crnojevic, Flüchtlingshelferin aus Schlieren «Mama, Du bist meine Heldin. Ein Kind wie mich zu haben, ist sehr oft anstrengend, aber manchmal auch unerträglich. Ich verstehe Deine Sorge, Deine Angst, aber ich spüre auch Deine Liebe und vor allem Deine Unterstützung. Ohne Dich wären meine Flügel geschlossen geblieben. Du bist der Grund für mein Glück und bist wohl auch meine Bremse, die ich manchmal brauche. Danke ist nicht genug, ich liebe Dich zu wenig, Mama Mira, Du bist meine Heldin, mein Super Hero!»
Martin Romer, Gemeinderatspräsident in Dietikon (FDP) «‹Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mutter!›, sagt ein Arabisches Sprichwort. Danke, ‹Mämsi›, was Du für uns geleistet hast – selbstlos, stark und mit viel, viel Liebe. Was wir Gutes in uns tragen – wie wir heute durch unser eigenes Leben geh’n. Hast Du uns gelehrt mit Selbstdisziplin und Strenge – dies gibt die Kraft im Alltagsgetriebe. Du fehlst bis heute, Ersatz gab’s keinen – Mämsi aufs dereinstige Wiedersehn!» (Martin Romers Mutter verstarb am 22. 8. 2010. Von ihren Kindern wurde sie «Mämsi» genannt.)
Aurora Sorbello, Wallisellen «Liebes Mami, ich habe Dich lieb. Obwohl, das sage ich ihr auch sonst. Sie war ein sehr positiver Mensch und hat mir immer Mut gemacht. Momentan geht es ihr leider nicht so gut. Eine Erinnerung an sie, die mir blieb, sind unsere gemeinsamen Shopping-Tage. Die fand ich immer sehr schön, sogar dann, wenn im Shoppi Tivoli höchster Besucherandrang herrschte.»
Axel Collet (17), Dietikon «Mama, ich wünschte, ich könnte Dein Lachen wieder einmal sehen. Hoffentlich wirst Du wieder fröhlich, sobald Du deine Träume verwirklichen kannst. In Zukunft könnten wir zwei ja mal wieder zusammen in die Ferien gehen. Das wäre schön. Mein Ritual am Muttertag? Ich bringe meiner Mutter Blumen nach Hause, und zwar die schönsten, die ich finden kann. Sie erwartet das nicht und ist dann jeweils ganz überrascht.»
Philipp Müller, FDP-Gemeinderat in Dietikon, auch im Namen seiner Brüder «Wir danken dem besten Mami dafür, dass Du uns liebevoll erzogen hast und auch heute immer für uns da bist. Früher hast Du uns beim Essen jeweils dazu ‹gezwungen›, auch ungeliebte Speisen – es war fast ausschliesslich Gemüse – wenigstens zu probieren. Auch wenn das früher unvorstellbar gewesen wäre, möchten wir uns heute auch dafür bei Dir bedanken. Wir umarmen Dich, Deine Söhne Dominic, Raphael und Philipp.» Im Bild: Doris Müller-Fritschi und ihre Söhne
Felicitas Van Dyck, Stallikon «Ich möchte meiner Mutter mal sagen, dass ich nicht nur Schlimmes von ihr geerbt habe, obwohl ich oft das Gegenteil behaupte. Das Emotionalsein und das logische Denken habe ich von ihr. Dafür bin ich ihr dankbar. Was für eine gute Mutter sie ist, sah ich zum Beispiel, als sie mit mir an ein Konzert ging, obwohl sie die Musik da gar nicht mochte.»
Elio Frapolli, Hotelier in Dietikon «Mia Mamma, danke Dir ganz herzlich, dass Du bei meiner Geburt dabei warst. Hätte mir keine bessere Lebensbegleiterin aussuchen können. Mit Dir z choche, macht immer no mächtig Spass und freu mi scho uf die nächschte Wiehnachte daheim im Tessin, wie immer mit emene Glas Merlot i de Hand ...»
Rebekka Stotz, Kletterin aus Urdorf, ehemalige Schweizer Boulder- und Lead-Meisterin «Zuerst einmal, dass ich Dich unendlich lieb habe und wie sehr ich Deine Unterstützung schätze und dankbar bin, dass Du jederzeit für mich da bist. Dann, wie sehr mich Deine Geduld, Stärke sowie Wille und Ehrgeiz im Leben beeindrucken.»
Stefan Baier, Theatermacher aus Dietikon «Meine Mutter feierte diese Woche ihren 82. Geburtstag und ist seit 60 Jahren mit meinem Vater verheiratet. Ein grosser Tag für die beiden. Für meine Mama habe ich ein Lied geschrieben: Chum a mi Tisch es git chli Chäs chli Brot und chli Wy Chum a mi Tisch Ig schänke es Glas Wasser derzue i Chum a mi Tisch und verzell mir wie’s als Meitli bi dir isch gsi Chum a mi Tisch, Mama Chum a mi Tisch Chum a mi Tisch was geschter isch gsi isch verbi Chum a mi Tisch mir wei in Friede chli zämä si Chum a mi Tisch, Mama Chum a mi Tisch Chum a mi Tisch mir wänd’s zämä chli lustig ha Chum a mi Tisch mir wei d’Sorge mit em Wind la ga Chum a mi Tisch und los dir das chline Liedli da a Chum a mi Tisch, Mama Chum a mi Tisch Chum a mi Tisch Zyt mi dir geit gäng so schnäll verbi Chum a mi Tisch ig hoffe, es isch no lang nid s’leschte Mol gsi Chum a mi Tisch es git chli Chäs chli Brot und chli Wy Chum a mi Tisch, Mama Chum a mi Tisch»

Adrian Sutter, Pfarradministrator in St. Agatha und St. Josef in Dietikon «Liebe Mammä, Deine positive und aktive Lebensart ist bewundernswert. Wie Du mit schwierigen Menschen und herausfordernden Situationen und verletzenden Ereignissen umgegangen bist, ist für mich inspirierend und beispielhaft. Dich als Mutter zu haben, ist für mich eine Segenserfahrung! Im Bild: Adrian Sutter mit seiner Mutter Rita-Maria

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Bildungspolitiker, Werbemacher, Ärzte, die eigenen Eltern oder die Schwiegereltern: Alle geben Frauen ungefragt Ratschläge und nörgeln an ihrem Erziehungsverhalten herum. Auch in Fachbeiträgen werden Mütter kaum mehr in positiven Begriffen diskutiert. Man schiebt ihnen (und nicht den Vätern!) kurzsichtig und monokausal die Schuld in die Schuhe, wenn das Kind nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte.

Eine solche Einschüchterungskultur – in den USA motherblaming genannt – setzt auch viele selbstbewusste Mütter unter Druck. So antworteten in unserer neuesten Studie zwei von drei Frauen auf die Frage, was das Härteste am Muttersein sei: Druck, Stress, Schuldgefühle.

Woher kommt es, dass Mütter so oft Beschuldigungsvorwürfen ausgesetzt werden und sich das schlechte Gewissen seinen Weg in ihre Köpfe bahnt? Teilweise wahrscheinlich von der nach wie vor prominenten Freudschen Theorie, welche Mütter für vieles schuldig spricht: für Ängste, Schwächen, ja für die ganze Lebensbewältigung des Kindes – auch wenn es schon längst erwachsen ist.

Noch wirkmächtiger ist die Hinterlassenschaft von John Bowlby, der die Mutter als die zentrale Person für die Bindungsfähigkeit des Kindes bezeichnete. Seine Theorie hat unser Denken so grundlegend verändert, dass heute das mütterliche Bindungsverhalten als wichtigster Teil einer verantworteten Mutterschaft gilt, obwohl mehr als siebzig Prozent der Kinder auch fremdbetreut werden.

Es ist wenig erstaunlich, dass das schlechte Gewissen immer wieder lautstark bei den Müttern anklopft: Schon wieder im alltäglichen Erziehungschaos so lautstark mit der Tochter geschimpft, dass am Schluss beide in Tränen ausgebrochen sind – obwohl man doch geduldiger werden wollte. Ganz zu schweigen von den schlaflosen Nächten und der Angst, man sei eine schlechte Mutter, weil die Lehrerin gesagt hat, der Sohn sei etwas aggressiv.

Schlechtes Wissen ein Problem

Was tun? Aus der Forschung wissen wir, dass Mütter, die immer mit schlechtem Gewissen reagieren, ihre psychische Gesundheit und ihr Selbstwertgefühl untergraben. Solche Gefühle machen überverantwortlich (aus schlechtem Gewissen lässt man den Kindern mehr durchgehen, als gut wäre) und führen zur Überkompensation (man macht Geschenke, um es für das eigene, vermeintliche Fehlverhalten zu entschädigen).

Zwar ist es positiv, dass viele Magazine den Frauen Ratschläge geben, wie sie sich weniger schuldig fühlen könnten. Sie reichen von der Entwicklung von Widerstandsfähigkeit über die Akzeptanz der Situation bis zur Relativierung des Umfeldes, das einem immer ein schlechtes Gewissen einreden will.

Doch solche Tipps setzen allein bei den Frauen und ihrer Selbsttherapie an. Was wir dringender brauchen, ist eine neue Familienpolitik, verbunden mit der Redimensionierung gesellschaftlicher Erwartungen an Mütter. Und mehr Frauen, die sich von solchen Erwartungen bewusst emanzipieren. Dies würde der weiblichen Gesundheit viel bringen.

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