Kolumne
Moderatorin Gülsha über Beyoncés umgekehrtes Kopftuch

Wie darf sich Frau anziehen, ohne sich dem Bild der männlichen Sexualität anzupassen? Und warum sendet selbst eine Feministin wie Beyoncé bei ihrer Kleiderwahl falsche Signale? Social-Media-Star und Moderatorin Gülsha Adilji geht auf ein heikles Thema ein.

Gülsha Adilji
Gülsha Adilji
Merken
Drucken
Teilen
Beyoncé bei ihrem Auftritt in Zürich – mit hohen Stiefeln und knappem Outfit.

Beyoncé bei ihrem Auftritt in Zürich – mit hohen Stiefeln und knappem Outfit.

Keystone

Heute will ich mal was über eine alte Freundin und Feminismus loswerden. Ich bin mir bewusst, dass dieses Thema genau so spannend ist wie ein Porno, nachdem man fertig ist: Es gibt keinen Grund, dran zu bleiben. Für niemanden, nie. Die einzigen, die sich nach dem Wort «Feminismus» doch noch durch die Buchstaben kämpfen, sind irgendwelche Emanzen und jetzt vielleicht Sie, weil Sie auf noch mehr schweinische Pornometaphern hoffen, wer weiss. Ich verspreche, ganz viele davon zu streuen (keine einzige), eine umwerfend scharfsinnige Gesellschaftskritik (na ja) und tonnenweise Schmach für Beyoncé (niemals!).

Burkini oder bauchfrei? Egal!

Arbeitsort, Heiratspartner oder -partnerin, Kleidungsstil sind in unseren Breitengraden mittlerweile kein Thema mehr. Sechziger-Befreiung, BH-Feuer, Pille, Büros an Unis für Genderstudies, bla bla bla. Sogar im Appenzellischen dürfen Frauen abstimmen. Das ist alles schön und toll – Faust in die Luft, noch mehr BHs verbrennen, Frauen an die Macht. Frauen dürfen so viel Brüste und Arsch zeigen, wie sie wollen, weil sie es selbst bestimmen können. Es ist schliesslich ihr eigener Instagram-Account, und wenn sie dort Sideboob zeigen oder den Thighgap-progress dokumentieren wollen, wer bin ich, um zu werten, right? Ihr Körper, ihre Entscheidung.

Wieso also muss das rehäugige, freche Mädchen ihre Meinung zur Lage der Nation im feministischen Kontext kundtun, ist doch alles geritzt? Falsch. Nicht nur, dass ich mich mittlerweile selbst auf kindliche äusserliche Merkmale reduziere (in halb gekonnter Koketterie versteht sich). Mir kommt es vor allem fast obsi, dass Frauen, glaube ich, nicht selbstbestimmt halbnackte Fotos von sich posten und so auf den gängigen Social-Media-Plattformen rumstolpern. Sie spannen sich viel mehr, ohne es zu merken, mit Highheels vor den Karren der männlichen Begierde.

Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster und behaupte ketzerisch: Egal, ob wir im Burkini den Köpfler vom Dreimeter machen oder auf dem Festivalgelände Hotpants und bauchfrei tragen, es läuft darauf hinaus, dass Frauen sich dem Bild der männlichen Sexualität anpassen. Sie wollen sie entweder nicht mit der weiblichen Haarpracht in sabbernde Hormonsklaven verwandeln oder sie mit dem freiliegenden Bauchnabel zu genau solchen machen; weil es eine Religion so vorschlägt oder weil Beyoncé, in maximal drei Quadratzentimeter Stoff gekleidet, es so vorlebt. And if Queen B does so, who are we to not follow?

Nur, ich kann nicht entspannt Beyoncés Konzert im Letzigrund verfolgen oder ihre Clips schauen, in denen sie häufig Dessous oder nichts Weiteres als acht Swarovski-Steine trägt. Sie gibt mir permanent das Signal, dass talentierte Frauen an der Macht spärlichst gekleidet sein müssen. Da kann man schon mal latent trütend (traurig und wütend zur selben Zeit) werden, wenn einem die eigenen Gene Dehnungsstreifen und Cellulite beschert haben. Wenn ständig suggeriert wird, dass starke, erfolgreiche, sexy Frauen halbnackt und immer bereit für Geschlechtsverkehr sein müssen und sich an irgendwelchen Stangen räkeln sollen, dann verschiebt das die eigene und fremde Wahrnehmung und Wertung von Frauen.

So awesome wie Beyoncé

Es soll ja jeder wie er – exgüse – sie will, aber irgendwie scheint es mir irgendwie unfair. Nicht nur die Babyöl-Sauerei in der Handtasche und das Hallux-Desaster wegen der hohen Schuhe, sondern all der andere Mist, den das unweigerlich doch mit sich zieht. Wer kann denn bitte so awesome sein wie Beyoncé? Bei mir hört es Kinn abwärts auf, Spass zu machen, aber niemand schenkt mir einen Personaltrainer, einen Paleo-Detox-Fengshui-Koch oder den Cellulite-Masseur. Ich versuche, mit Spanks und frischem Grapefruitsaft zum Zmorge Gegensteuer zu geben, Pretty Hurts. Ich möchte bitte mal von meiner alten Freundin B wissen, weshalb sie ständig eine Windmaschine dabei hat, ob sie eine spezielle Kaugummimarke empfiehlt und wie man die Glitzer-Bodylotion zwischen den Fingern wegbekommt.

Ach, weisste was Beyoncé, lass stecken, ich frag lieber Kathrin Bauernfeind und Leslie Clio, ob sie mit mir ein Bier trinken wollen – diese Frauen #empowern mehr als tanzende halbnackte Königinnen. Aber irgendjemand sollte das allen anderen auch noch sagen. Und so hoffe ich, dass zum Beispiel Sie erst jetzt fertig geworden sind, dann wissen es wenigstens schon mal fünf Leute.