Kolumne
Mein Chef, der Algorithmus

Markus Gisler, Betriebsökonom und Ex-Chefredaktor von «Cash», schreibt in seiner Kolumne zum Einfluss mathematischer Formeln auf die Wirtschaft: «Heute gibt es kaum noch eine Branche, in der nicht Algorithmen über Erfolg oder Nichterfolg entscheiden. »

Markus Gisler
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Vom Google-Suchalgorithmus sagt man, er sei ein besser gehütetes Geheimnis als das Rezept von Coca-Cola.

Vom Google-Suchalgorithmus sagt man, er sei ein besser gehütetes Geheimnis als das Rezept von Coca-Cola.

KEYSTONE/WALTER BIERI

Seit Amazon beim Stöbern im elektronischen Buchladen jeweils unten einblendet: «Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch ...», wissen wir alle, was ein Algorithmus kann. Was ein Algorithmus genau ist, bleibt allerdings meist ein Geheimnis. Mathematisch betrachtet, vergleicht dieses nach einem arabischen Mathematiker aus dem 9. Jahrhundert benannte Rechensystem nach genau definierten Vorgaben Daten und spuckt so Resultate aus.

Wirtschaftspublizist Markus Gisler

Der Autor ist Betriebsökonom HWV. Er war Chefredaktor («Cash», «Aargauer Zeitung») sowie Gastgeber der TV-Sendung «Cash-Talk». Heute ist er Partner bei der Kommunikationsagentur GMRZ und unterstützt Unternehmen und Führungspersönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit.

Die Kunst besteht darin, diese Vorgaben so präzise zu formulieren, dass möglichst relevante Antworten resultieren. Dass das noch längst nicht überall klappt, merken wir jeweils an der auf Internetseiten eingeblendeten Werbung, die meist einem banalen Muster folgt. Vor ein paar Monaten hatte ich mich für einen neuen Grill interessiert und Websites durchforscht. Seither blendet mir ein Algorithmus auf den unmöglichsten Seiten unaufhörlich Grillinserate ein. Dumm nur, dass ich mir längst einen Grill angeschafft habe.

Mit den komplexen Formeln kann man viel Geld verdienen

Grundsätzlich gilt für ein Unternehmen: je komplexer und präziser der Algorithmus, desto erfolgreicher das Geschäftsmodell. Vom Google-Suchalgorithmus sagt man, er sei ein besser gehütetes Geheimnis als das Rezept von Coca-Cola. Heute gibt es kaum noch eine Branche, in der nicht Algorithmen über Erfolg oder Nichterfolg entscheiden.

Diese komplexen Computerprogramme werden nicht nur im Online- Handel angewendet, sondern insbesondere in der Forschung. Die Pharmakologie nutzt Algorithmen, um neue Medikamente zu entwickeln, der Meteorologie helfen sie für immer exaktere Wettervorhersagen. Auch der automatisierte Aktienhandel basiert auf Algorithmen, und immer mehr Banken unterstützen ihre Anlageberater mit diesen Tools.

Die derzeit erfolgreichste Investmentbank Goldman Sachs ist berühmt für ihre Algorithmus-Spezialisten. Auch in der Industrie werden diese Werkzeuge zunehmend eingesetzt, was zum Begriff Industrie 4.0 geführt hat: Leistungsstarke Sensoren sammeln via Internet Daten, um die Entwicklung von Produkten zu optimieren. Bereits träumen Ingenieure von einer selbst organisierten Fabrik. Das Zusammenspiel von superschnellen Rechnern, Algorithmen und Big Data macht das alles möglich.

Offensichtlich ist: Unternehmen, die sich nicht intensiv dieser digitalen Transformation verschreiben, riskieren, in kurzer Zeit vom Markt verdrängt zu werden. Ein besonderes Problem stellt sich dem Management. Während früher ein Ingenieur eine Maschine entwickelte oder ein Marketingfachmann aus dem Gespür heraus eine Kampagne lancierte, bestimmen heute Mathematiker und IT-Spezialisten, wos langgeht. Sie sind die wertvollsten Mitarbeiter in einem Unternehmen, deren Arbeit die Manager nicht im Detail verstehen und nicht nachvollziehen können. Komplexe Algorithmen sind für Laien Bücher mit sieben Siegeln.

Was das im Extremfall heisst, mussten die Unternehmer der im Jahr 2000 gescheiterten Langenthaler Softwarefirma Miracle erfahren. Eine neue komplexe Software enthielt in der Kernsoftware (Kernel) einen Fehler, den niemand in der nötigen Zeit beheben konnte. Das kurz zuvor an der Börse hochgejubelte Unternehmen verlor praktisch sämtliche Kunden und musste den Betrieb einstellen.

Mathematiker und Programmierer haben längst das Sagen

Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet also die Qualität des Algorithmus. Dieser liefert zwar in jedem Fall Resultate, die Frage aber ist, ob diese auch korrekt sind. Bis das klar wird, können Monate oder gar Jahre vergehen. So lange ist der wahre Chef im Unternehmen der Algorithmus. Nach ihm wird die ganze Strategie ausgerichtet, er ist quasi sakrosankt. Effektiv ist die Geschäftsleitung den Datenspezialisten ausgeliefert.

Wohin dieses «Sich unterordnen unter den Algorithmus» führt, zeigt das Beispiel der französischen Newsplattform «Melty». In einem Artikel hielt die Zeitung «Le Monde» etwas sarkastisch fest, der wahre Chefredaktor von «Melty» sei ein Algorithmus namens Shape. Dieser durchforstet soziale Medien und bestimmt so, an welchen Themen das grösste Interesse besteht. Danach werden entsprechend Artikel geschrieben.

Weil die Einnahmen von News-Websites direkt von der Anzahl Klicks abhängen, werden Inhalte nach populistischen und nicht nach gesellschaftspolitisch relevanten Kriterien geschrieben. Leser werden so von Staatsbürgern zu Marketing-Zielgruppen. Schöne neue Welt! Künstliche Intelligenz mag die Zukunft sein, den gesunden Menschenverstand wird sie nicht ersetzen.