Sprachriff
Man plage sich ab – oder schweige

Max Dohner
Max Dohner
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Verliebte sollten ihre Gefühle oft lieber nicht in Worte fassen.

Verliebte sollten ihre Gefühle oft lieber nicht in Worte fassen.

Keystone

Es muss Dinge geben, worüber man nicht schreiben kann. Man sagt dann natürlich trotzdem etwas. Man sagt: «Das ist einfach unbeschreiblich.» Präziser in den allermeisten Fällen wäre wohl der Satz: «Ich kann es nicht beschreiben, also lassen wir das. Plagt mich nicht.»

Nun gibt’s keine Sprache ohne Plage. Keine? Und was passiert – bitte schön – dann in dem Moment: «Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über»? Darauf gibt es nur eine Antwort: Meinetwegen – versuchen Sie es mal! Ich habe schon Leute reden hören, wenn ihnen das Herz überfloss.

Beispiel eins: Überfluss mit lustig. Die Witzerzählerin konnte nicht mehr und zerlachte erzählend den eigenen Witz zur Unkenntlichkeit. Sie kugelte sich, die anderen lächelten betreten. Beispiel zwo: Überströmend verliebt. Kaskaden tatsächlich, leider voller Klischees, klebriger Brei. Er strahlte verzückt, sie lächelte betreten. Drittes Beispiel: die Barfliege (engl. Barfly), der Sentimentale nachts am Tresen. Es tropft und tropft aus seinem Mund: Klage, Weinerlichkeit, Zorn – alles durcheinander. Er findet’s einen mächtigen Sermon wie von Moses, alle anderen in der Bar lächeln betreten.

Wir leiten darum ab: Man plage sich, um etwas zu beschreiben, am besten in aller Nüchternheit. Oder man schweige.

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