Café Fédéral
Lob der Biederkeit

Henry Habegger
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Henry Habegger: «Während die Welt von unberechenbaren Narzissten wie Trump, Putin, Erdogan an den Rand des Abgrunds getrieben wird, herrscht bei uns gähnende mediale Langeweile.» (Archivbild)

Henry Habegger: «Während die Welt von unberechenbaren Narzissten wie Trump, Putin, Erdogan an den Rand des Abgrunds getrieben wird, herrscht bei uns gähnende mediale Langeweile.» (Archivbild)

KEYSTONE/AP/JAE C. HONG

Zugegeben, als Bundeshausjournalist könnte man dieser Tage sehr neidisch werden. Die amerikanischen Kolleginnen und Kollegen, die leben im journalistischem Schlaraffenland. Der aufgeblasene neue Präsident beliefert sie pausenlos mit Stoff für Schlagzeilen. Er höhnt und schimpft gegen jede und jeden, die auch nur einen Hauch von Zweifel an seiner gottgleichen Grösse äussert. Neuerdings schickt er seinen Pressesprecher vor. Der arme Mann muss die Schimpftiraden des Chefs, die die Welt bisher in Tweet-Form entgegennahm, vor versammelter Presse vortragen.

Und wir in Bern? Wir haben einen biederen Bundesrat, der brav vor sich hinarbeitet. Das höchste der Gefühle ist, wenn Bundespräsidentin Doris Leuthard sich über unverschämte Hotdog-Preise am WEF auslässt. Wenn Frau Parmelin und der Vizekanzler im Von-Wattenwyl-Haus etwas abseits der Gebräuche an ihren Klavierkünsten feilen. Oder wenn Ueli Maurer wieder einmal Soldaten an die Grenze schicken will, obwohl der Bundesrat ihn mit diesen Plänen bereits vor einem halben Jahr nach Hause geschickt hat. Ein Kollegialitätsbruch zwar, aber wir Journalisten merken es nicht mal mehr, und die Bundesratskolleginnen und -kollegen wollen sich auch nicht mehr öffentlich darüber aufregen. Lieber arbeiten sie still und duldsam weiter, um ihre Projekte erfolgreich durch die komplizierte Bundesmechanik und durch Volksabstimmungen zu bringen.

Während die Welt von unberechenbaren Narzissten wie Trump, Putin, Erdogan an den Rand des Abgrunds getrieben wird, herrscht bei uns gähnende mediale Langeweile. Es fällt nicht ganz leicht, aber ehrlicherweise muss gesagt werden: Wir können froh sein über diese stinklangweilige, sachliche Regierung. Danke, Bundesrat!

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