Rio 2016
Licht trotz viel Schatten

Der Leitartikel zum beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro in der Nacht auf Samstag.

Marcel Kuchta
Marcel Kuchta
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Keystone

Die Geschichte wiederholt sich in schöner Regelmässigkeit alle zwei Jahre. Stehen irgendwo Olympische Sommer- oder Winterspiele vor der Tür, dann übertreffen sich die Medien im Vorfeld gegenseitig mit negativen Schlagzeilen. Vor Turin 2006 wurden die immensen Baukosten für Sportanlagen kritisiert, die niemand mehr brauchen würde nach dem Grossanlass. Vor Peking 2008 waren es der Smog und die Menschenrechte, die die Öffentlichkeit in Atem hielten. Vor London 2012 jammerte alles über das drohende Verkehrschaos und die schwindelerregend hohen Geldbeträge, die man für die Sicherheit ausgeben musste. Und vor Sotschi 2014 wurde sowieso generell alles infrage gestellt.

Eigentlich bleibt nur eine Option: Abschalten

Heute Nacht werden nun die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro eröffnet. Wenn man die Berichterstattung der letzten Wochen etwas eingehender verfolgt hat, dann bleibt eigentlich nur eine Option: den Fernseher nicht einschalten, alle Sport-Pushmeldungen auf dem Smartphone abstellen und den Sportteil der Zeitungen während zweier Wochen ignorieren. Was alles an Negativschlagzeilen über die Sommerspiele 2016 veröffentlicht wurde, lässt einem jede Vorfreude im Halse stecken bleiben. Doping, Terror, Zika-Virus, Schulden, Gewalt, Kriminalität, Korruption, latentes Desinteresse – im Zusammenhang mit
Rio wurde so ziemlich jedes Thema mit unschönem Touch angeschnitten.

Wer in den Tagen vor der grossen Eröffnung durch diese unfassbar riesige
und unübersichtliche Metropole fährt und den Puls der Cariocas, der Einwohner Rios, spürt, dem fällt vor allem auf, wie gleichgültig sie diesem sportlichen Grossanlass vor ihrer Haustüre gegenüber stehen. Man spürt, dass in diesem Land und vor allem in dieser Stadt andere Sorgen im Vordergrund stehen. Die Wirtschaftskrise, die das ehemalige Boomland heimgesucht hat, hat den Leuten zugesetzt. Die politische Krise um die angezählte und zur Tatenlosigkeit verurteilte Präsidentin Dilma Rousseff paralysiert ganz Brasilien.

Und letztlich ist da die Enttäuschung darüber, dass die vielen Versprechungen, die im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen gemacht wurden, nicht eingehalten wurden. Die viel zitierte Nachhaltigkeit, welche der ganzen Stadt und somit der breiten Bevölkerung zugute-kommen sollte, muss man mit der Lupe suchen. Stattdessen lief vieles so ab,
wie man es sich in diesem Land schon lange gewöhnt ist und was in Zeiten der wirtschaftlichen Instabilität umso verheerender ist: Von den Olympischen Spielen werden wieder nur ein paar wenige Reiche profitieren, die die milliardenschweren Geldströme geschickt in die eigenen Taschen abgezweigt haben. Es ist logisch, dass es angesichts dieser beklemmenden Realität schwerfällt, sich auf die vielen sportlichen Highlights der nächsten zwei Wochen zu freuen. Ja eigentlich ist es aus Sicht der Cariocas sogar unmöglich. Diese Spiele bringen ihnen nicht viel mehr als noch mehr Schulden und zusätzliches Verkehrschaos.

Die Erfahrung zeigt, dass es dem Sport am Ende gelingt

Werden die sportlichen Schlagzeilen, die ab Samstag geschrieben werden, die zahlreichen negativen Aspekte verdrängen können? Die Erfahrung zeigt, dass dies fast immer der Fall war. Sobald der jeweilige, amtierende IOC-Präsident an der Eröffnungsfeier die magischen Worte «ich erkläre die Spiele für eröffnet» ausgesprochen hatte, übernahm König
Sport das Zepter, standen die Medaillen und die Resultate plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Vermutlich wird es auch diesmal so sein. Wie in Peking. Wie in Turin. Wie in London. Wie in Sotschi.