Kommentar
Lasst die Glocken läuten – vorerst

Nicht jeder Lärm ist Lärm. So beurteilt es, auf eine Kurzformel gebracht, der Gemeinderat von Gipf-Oberfrick. Es gibt, in Anlehnung an den Stress, also den Eu- und den Di-Lärm, den guten und den bösen Lärm. Mit Verlaub: Das ist echt böse.

Thomas Wehrli
Thomas Wehrli
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Stiess mit ihrer Klage auf taube Ohren: Nancy Holten vor der katholischen Kirchen in Gipf-Oberfrick.

Stiess mit ihrer Klage auf taube Ohren: Nancy Holten vor der katholischen Kirchen in Gipf-Oberfrick.

Lucas Zeugin

Lärm ist nie ein erhaltenswertes Gut, da dieser Begriff per se negativ konnotiert ist.

Recht hat der Gemeinderat darin, dass in einem Rechtsstaat eine Minderheit nicht der Mehrheit die Meinung aufs Auge drücken darf. Sonst mutiert die Demokratie, im besten Fall, zu einer Wundertüte, im schlechteren zu einer Mogelpackung. Das wäre dann, wie wenn man eine Schachtel Pralinen voller Erwartung öffnet – und von drinnen äugen einen Mehlwürmer an.

In Gipf-Oberfrick spricht sich derzeit – wie in anderen Gemeinden – eine Mehrheit für die Beibehaltung des Morgengeläuts aus. Dies gilt es zu respektieren. Nicht, weil das Geläute eine alte Tradition ist oder «früher da war als Frau Holten», wie in Online- Kommentaren zu lesen war – sondern einzig deshalb, weil das Geläute aktuell für eine Mehrheit ein Stück Heimat ist, eine Verortung im Leben, ein Teil der Kultur.

Sollte dies dereinst nicht mehr der Fall sein, sollte der Bedeutungsverlust der Kirchen im selben rasanten Tempo voranschreiten, so gilt es, auch die damit verbundenen Traditionen zu hinterfragen. Ohne Scheuklappen, Augenbinden und Nonnenhauben. Es ist gut möglich, dass sich auch nach einem solchen Bewusstwerden eine dannzumal säkulare Mehrheit für die Beibehaltung der himmlischen Tradition ausspricht. Dann ist es richtig, dann will eine Mehrheit allmorgendlich sagen: heiliger Bimbam!