Analyse
Künstliche Intelligenz: Computer lernen das Lernen

«Mit der künstlichen Intelligenz verhält es sich wie mit einem Kind, dem man ein Smartphone in die Hand gibt. Plötzlich macht es damit Dinge, die man nie für möglich gehalten hätte», schreibt unser Autor. Die Analyse zu den neusten Entwicklungen der künstlichen Intelligenz

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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Künstliche Intelligenz: Es wäre naiv, einfach auf die menschlichen Stärken zu vertrauen.

Künstliche Intelligenz: Es wäre naiv, einfach auf die menschlichen Stärken zu vertrauen.

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Eigentlich sind die Verhältnisse längst klar: 2016 hat die Software AlphaGo den Südkoreaner Lee Sedol besiegt; seither ist der beste Spieler im asiatischen Strategiespiel Go kein Mensch mehr, sondern eine Maschine. Trotz dieser klaren Fakten haben die Programmierer von Deepmind, einer Tochterfirma von Google, ihren Algorithmus weiter verbessert und die Nachfolger-Software AlphaGo Zero entwickelt. Diese unterscheidet sich gegenüber ihrer Vorgängerin darin, dass sie sich Go – bei dem es mehr mögliche Spielverläufe als Atome im Universum gibt – von Grund auf selber beigebracht hat.

Die Entwickler haben die künstliche Intelligenz (KI) lediglich mit den Regeln des Spiels ausgestattet. Danach spielte die KI gegen sich selber. Anfangs setzte sie die Steine noch zufällig aufs virtuelle Brett, bald entwickelte sie aber eine Strategie. Nach zwei Tagen war sie bereits besser als die Vorgänger-Software, wie die Entwickler Ende letzte Woche im Fachmagazin «Nature» berichteten.

Mit AlphaGo Zero ist es ein bisschen wie mit einem Kind, dem man ein Smartphone in die Hand gibt. Nachdem es erlernt hat, wie ein Touchscreen funktioniert, spielt es damit herum, probiert Neues aus und plötzlich – kaum hat man sich von ihm abgewendet – macht es damit Dinge, von denen man gar nicht gewusst hat, dass sie möglich sind. Es bleibt nur das Staunen. Die KI-Entwicklung hat gerade einen weiteren Schritt nach vorne gemacht. Es ist absehbar, dass KI-Softwares nicht nur die Verhältnisse auf dem Go-Brett ändern, sondern ihren Einfluss weit darüber hinaus entfalten werden. Bereits nutzt Google etwa eine KI, um den Energiehaushalt seiner Datencenter zu optimieren – und konnte den Bedarf um 40 Prozent senken.

Es wäre naiv, einfach auf die menschlichen Stärken zu vertrauen

Der nächste Meilenstein in der Forschung wird es sein, eine KI zu entwickeln, die nicht nur lernt, eine Leistung auf einem spezifischen Gebiet zu verbessern, sondern generell einen Algorithmus, der lernt zu lernen. Ein selbstreferenzielles System also, das auf alles anwendbar ist. Damit drängt sich die Frage auf, welche Rolle dem Menschen noch bleibt, wenn er nicht nur in spezifischen Tätigkeiten wie dem Go-Spiel gegenüber der Maschine den Kürzeren zieht, sondern in allen Tätigkeiten, für deren Gelingen vor allem kognitive Intelligenz nötig ist.

Wir könnten uns auf Tätigkeiten zurückbesinnen, die vor allem Fähigkeiten wie soziale und emotionale Intelligenz erfordern – oder auch unternehmerische Kreativität und Feinmotorik. So dürfte es noch lange dauern, bis ein Roboter uns die Haare in einem Coiffeur-Salon schneidet oder ein neues Startup gründet.

Und dennoch wäre es naiv, bei der sich anbahnenden technologischen Revolution einfach auf die menschlichen Stärken zu vertrauen.

Wir sollten wissenschaftliche Studien ernst nehmen, die besagen, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten rund 50 Prozent der derzeitigen Jobs verschwinden werden. Zwar ist es so, dass bisher jede technologische Umwälzung nicht nur Jobs vernichtet, sondern auch neue geschaffen hat. Es kann aber nicht davon ausgegangen werden, dass das auch dieses mal der Fall ist, wenn Maschinen das Lernen erlernen.

Nicht gegen die Maschinen kämpfen, sondern ihre Fähigkeiten nutzen

Insbesondere bei langfristigen Entscheidungen muss miteinbezogen werden, dass die Welt in 20 Jahren eine fundamental andere sein könnte. Wenn es nur noch Arbeit für die Hälfte der Bevölkerung gibt, so kann die Altersvorsorge nicht saniert werden, indem wir alle einfach zwei Jahre länger arbeiten. Und für den drohenden Kollaps der Sozialsysteme ist es wichtig, jetzt schon innovative – und radikal anmutende – Ideen zu diskutieren. Eine davon ist das bedingungslose Grundeinkommen. Dass auch liberale Wirtschaftswissenschafter damit sympathisieren, zeigt, wie ernst die Lage ist.

Den neuen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz nur mit Unbehagen zu begegnen oder sich gar für den Kampf gegen die Maschinen zu rüsten, wäre falsch. Statt uns gegen sie aufzulehnen, sollten wir ihre Fähigkeiten für unsere Zwecke nutzen. In einer Symbiose dürften künstliche und biologische Intelligenz noch lange einer reinen KI überlegen sein.