Kommentar
Rücktritt nach E-Mail-Affäre: Der Fall Mellingen offenbart Abgründe

Mellingens SVP-Gemeinderat Roger Fessler schickte anonyme E-Mails an verschiedene Medien. Seine Aktivität lässt sich weder entschuldigen noch rechtfertigen. Der Kommentar.

Andreas Fretz
Andreas Fretz
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Roger Fessler an einer Grossratssitzung in der Umweltarena Spreitenbach.

Roger Fessler an einer Grossratssitzung in der Umweltarena Spreitenbach.

Sandra Ardizzone

Gemeinderat, Grossrat, Betreibungsamt-Leiter und Feuerwehroffizier. Die Vita des Mellinger SVP-Politikers Roger Fessler (39) beeindruckt. Diese glanzvolle Fassade zerbricht nun jäh. Fessler hat während eineinhalb Jahren anonyme E-Mails an Medien verschickt. Er versteckte sich hinter Namen wie Harry Investigative.

Fessler spricht von einer «bsoffene Gschicht», wie der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache 2019 in der Ibiza-Affäre. Doch der Fall Mellingen ist mehr als das, er offenbart Abgründe. Fessler wollte Indiskretionen, die es im Gemeinderat schon länger gibt, mit Indiskretionen bekämpfen. Er wollte die Aufmerksamkeit auf Fehlverhalten lenken, und verhielt sich dabei selber falsch. Fesslers Aktivität lässt sich weder entschuldigen noch rechtfertigen. Sie ist unreif und töricht. Ein Gross- und Gemeinderat hat andere Mittel, um Gehör in den Medien zu finden.

Dem Milizsystem hat Fessler einen Bärendienst erwiesen. Die Kommunalpolitik darbt, vorzeitige Rücktritte und Konflikte häufen sich. Mellingens Exekutive steht nach drei Rücktritten innerhalb eines Monats vor einem Scherbenhaufen. Ein Ammann, ein Vizeammann und ein Gemeinderat werden gesucht. Doch wer will sich eines dieser Ämter in diesem Kleinstadtsumpf antun? Das einzig Positive: Fessler hat seinen Fehler eingestanden und ist als Gemeinderat zurückgetreten. Es stellt sich aber die Frage, ob er geläutert und reif genug ist für seine anderen Ämter.