Analyse
Knacknüsse fürs Aarauer Stadion: Crowdfunding-Gruppe schafft auch politische Probleme

Die «meinstadion.ch»-Gruppe will mittels Sammelaktion das Aarauer Stadionprojekt realisieren. Ihre Vorschläge bescheren der Aarauer Politik, insbesondere dem Stadtrat allerdings auch einige Knacknüsse.

Urs Helbling
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Michael Hunziker (l). und FCA-Präsident Alfred Schmid am letzten Mittwoch bei der Medienkonferenz.chris Iseli

Michael Hunziker (l). und FCA-Präsident Alfred Schmid am letzten Mittwoch bei der Medienkonferenz.chris Iseli

Chris Iseli

Am letzten Mittwoch begann die «meinstadion.ch»-Gruppe um Michael Hunziker mit dem Sammeln von Geld. Gestern waren 330 000 der anvisierten vier Millionen Franken zugesagt. Die Gruppe Hunziker hat nicht nur eine Sammelaktion angestossen, sondern beschert mit ihren Vorschlägen der Aarauer Politik, insbesondere dem Stadtrat, auch einige Knacknüsse. Daniel Siegenthaler, der Stadtpräsidenten-Kandidat der SP, findet etwa, wegen des 8-Millionen-Bankkredits sei eine weitere Volksabstimmung nötig.

  • Die Ausgangslage: Die Aarauer Stimmbürger haben im Februar 2008 insgesamt 17 Millionen Franken für die Schüssel (Stadion mit 10 000 Sitzplätzen) bewilligt. Unter der Voraussetzung, dass sich der Kanton (6 Mio.), die Ortsbürger (6 Mio.), die Generalunternehmerin HRS (5 Mio.) und Private (2 Mio.) mitbeteiligen. Das Stadion hätte 36 Millionen Franken gekostet.
  • Der Vorschlag: «meinstadion.ch»: Neu wird mit Investitionskosten von 50 Millionen Franken gerechnet. Der Kanton soll aus dem Swisslos-Fonds insgesamt 10 Mio. Fr. beisteuern, den höchsten Beitrag, den er je an eine Sportanlage bezahlt hat. Die Privaten (meinstadion.ch) erhöhen auf 4 Mio. Fr. Und die Stadion AG soll einen Bankkredit von 8 Mio. Fr. aufnehmen.
Bisher war man davon ausgegangen, dass das Stadion (mit Mantel) für 36 Millionen Franken zu haben wäre. Doch es fehlen 14 Mio. Franken.
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«Meinstadion.ch»-Initiant Michael Hunziker erläutert an der Medienkonferenz, wie man die Finanzierung des neuen Stadion sichern will.
«Meinstadion.ch»-Pressekonferenz (15.11.2017)
Auch FCA-Präsident Alfred Schmid (r.) ist im Initiativkomitee, das die «meinstadion.ch»-GmbH gegründet hat.
Sponsorenvereinigungspräsident Michael Hunziker (links) und FC-Aarau-Präsident Alfred Schmid am letzten Mittwoch bei der Medienkonferenz.chris Iseli
Weil sich wegen des jahrelangen Rechtsstreits und neuen Auflagen der Swiss Football League Mehrkosten ergaben, geht man nun davon aus, dass das Stadion 50 Mio. Franken kostet.
Unter der Federführung von Michael Hunziker wurde nun ein Plan ausgearbeitet,...
... wie die 14 Mio. Franken zusätzliche Mittel zu beschaffen wären.
Unter anderem sollen 4 Mio. Franken (statt 2) hierbei von Dritten respektive vom FC Aarau kommen.
«Meinstadion.ch» will diese Mittel durch Crowdfunding organisieren.
Der Rest soll aus dem Sport-Toto-Fons des Kantons und mittels eines Bankkredits, aufgenommen durch die Stadion Aarau AG (gehört der Stadt Aarau), gesichert werden.
Das geplante Stadion vorne, hinten die Protagonisten von der Pressekonferenz.
Die Initianten wollen, dass «Plan A» umgesetzt wird (mit Mantelnutzung) oder aber – und das wird bevorzugt – ein «Plan A Minus», bei dem der Mantel des Stadions im Erdgeschoss wegfällt und ein einfaches, funktionales, ebenerdiges Stadion mit Tiefgarage gebaut wird.
Die Ansicht des neuen Fussballstadions von Osten.
Blick hinein: So soll das Stadion innen aussehen. Es soll Platz für 10'000 Zuschauer bieten.
Der Eingang ins Stadiongebäude heisst Stadtloggia
Ansicht von Westen.
Auf dem Torfeld Süd wird das neue Aarauer Fussballstadion gebaut. Bild vom 3. Juni 2016.
Das geplante Stadion und das Parkhaus dazu. Parkhaus an der Florastrasse 5, Rockwell Parkhaus aufgenommen am; 27.02.2015
Das alte Projekt lag 2009 öffentlich auf und wurde dann sistiert.
Das geplante Stadion im Quartier Torfeld-Süd - es wird vom Bahnhof Aarau in nur fünf Minuten erreichbar sein.
Auf dem Areal im Torfeld-Süd, wo das Stadion gebaut wird, fanden schon im November 2015 Abrissarbeiten statt.
Blick auf die Bauarbeiten auf dem Stadion-Areal aus anderer Perspektive. (November 2015)
Modell des geplanten Aarauer Fussballstadions im Torfeld Süd
Modell des geplanten Aarauer Fussballstadions im Torfeld Süd
Modell des geplanten Aarauer Fussballstadions im Torfeld Süd

Bisher war man davon ausgegangen, dass das Stadion (mit Mantel) für 36 Millionen Franken zu haben wäre. Doch es fehlen 14 Mio. Franken.

Chris Iseli
  • Die Schwierigkeit: Die Stadion AG ist eine 100-prozentige Tochter der Stadt. Faktisch würde sich gemäss dem «meinstadion.ch»-Vorschlag der Beitrag der Stadt von 17 auf 25 Mio. Fr. erhöhen – denn letztlich wird die Stadt für den Bankkredit der Stadion AG geradestehen müssen. Im schlimmsten Fall wird die Stadt für die Verzinsung der 8 Mio. Fr. aufkommen müssen. Also indirekt den Fussballbetrieb mit mehreren hunderttausend Franken jährlich subventionieren müssen (bei 5 Prozent wären es 400 000 Franken). Das Fussballgeschäft ist sehr unsicher. Auch der FCA musste schon grosse Krisen überstehen. Und beispielsweise aus Thun ist bekannt, dass es in Krisenzeiten sehr schnell zu Problemen zwischen dem Verein und dem Stadionbetreiber/-Besitzer kommen kann. Bereits in der Botschaft an den Einwohnerrat aus dem Jahr 2007 wird darauf hingewiesen, dass «das Stadion letztlich mit dem Schicksal des FCA verknüpft und in einem gewissen Ausmass von dessen wirtschaftlichem Erfolg abhängig ist».
  • Die grosse Frage: In der Abstimmungsvorlage 2008 ist von einem Bankkredit überhaupt nicht die Rede. Geschweige denn von den mit der Geldaufnahme verbundenen Risiken. Kann der Einsatz der Stadt faktisch um 50 Prozent erhöht werden (von 17 auf 25 Mio.), ohne dass das Volk dazu konsultiert wird? Selbst wenn der Stadtrat das bejahen sollte, bestünde die Gefahr, dass mittels irgendwelcher Beschwerden versucht würde, eine Abstimmung zu erzwingen – was zu einer Verzögerung führen dürfte.
  • Die mangelnde Transparenz: Nach wie vor ist völlig unklar, wie die Generalunternehmerin HRS auf die Bausumme von Grössenordnung 50 Millionen Franken kommt. Ursprünglich war von pauschal 36 Mio. Fr. (inklusive Teuerung) die Rede.
  • Das Risiko HRS: Mit dem «meinstadion.ch»-Vorschlag wird der «Plan B» (die Querfinanzierung über drei Hochhäuser) faktisch beerdigt. Die HRS verliert damit einen Trumpf in ihrem Kampf für die Baubewilligung für die Gesamtüberbauung des Areals. Und es ist schleierhaft, wie sie ohne Hochhäuser die 5 Mio. Fr. finanzieren kann, die sie ans Stadion beisteuern soll (es sei denn, diese seien in den 50 Mio. Fr. bereits eingepreist). Bislang schweigt die HRS.
  • Das vorläufige Fazit: Der neue Stadtrat wird einige Probleme zu lösen haben. Sollten die «meinstadion.ch»-Initianten ihr Sammelziel erreichen, wird er das nicht nur unter grossem zeitlichem (Verfall der Baubewilligung), sondern politischem Druck tun müssen.

Übrigens: Im Fall des Kulturprojekts Alte Reithalle werden Private mindestens einen Fünftel an die Gesamtinvestitionssumme von 20 Mio. Fr. beisteuern. Würde gleiches beim Stadion passieren, wären 10 Mio. Fr. (statt 4) nötig – und damit aber auch praktisch alle Bankkredit-Probleme gelöst.

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