Apropos
Kindersoldaten im Kampf um Kitsch

Auch Kinder können sich verstellen. Sie reden dann süsslicher und dümmer, als sie eigentlich sind. Deshalb sollte man Ihnen kein Mikrophon unter vor die Nase halten.

Max Dohner
Max Dohner
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Kinder sollte man als Journalist nicht mit Fragen belästigen, findet Max Dohner. (Symbolbild)

Kinder sollte man als Journalist nicht mit Fragen belästigen, findet Max Dohner. (Symbolbild)

Verena Schmidtke

Vladimir Nabokov hasste ein paar Dinge, wie man weiss, weil er für die Gegenstände seines Hasses eine schwierige Sprachform verwendete und zur Meisterschaft brachte: die Polemik.

Drum muss man lieben, was Nabokov hasste. Etwa Zeitungsfeuilletons, die Kinderbücher besprechen. Nabokov fand Besprechungen solcher Bücher überflüssig.

Gerne weite ich die Hassliebe aus: Auf den Index gehören nicht nur Kinderseiten in Zeitungen, sondern alle öffentlichen Verlautbarungen von Kindern. Wer immer Goofen ein Mikrofon entgegenstreckt, der soll ein Jahr lang vom Sender weg und ab in die Quarantäne.

Kinder ahmen Kinder nach, wenn sie mit vorgestrecktem Mikrofon etwas gefragt werden. Sie reden süsslicher und doofer, als sie sind, weil sie auf einen Herzigkeits-Bonus spekulieren, der alles gutheisst. Angeblich soll Kindermund immer «goldig» sein. In Tat und Wahrheit ist unerquicklich, was Racker radebrechen.

Schlimmer noch, wenn Kinder Erwachsene nachahmen – immerhin ist das für Letztere entlarvend. Sie schwätzen wichtig altklug daher, selbst bei blühendem Unsinn. Kaum erträglich ist die Gefallsucht, die sie so wenig beherrschen wie die erwachsenen Vorkäuer. Goofen werden, oft vom Fernsehen, im Medienkrieg eingesetzt – als Kindersoldaten im Nahkampf des Kitschs.