Wochenkommentar
Keiner hat den Durchblick

Das 45. World Economic Forum stand im Zeichen von globalen Unwägbarkeiten: Terrorismus, Eurokrise, Frankenstärke. Populisten mit einfachen Rezepten sind hier rasch zur Stelle. Doch ihnen Vertrauen zu schenken wäre ein Fehler.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Das WEF 2015: Für viele dringende Fragen gab es keine eindeutigen Lösungen.

Das WEF 2015: Für viele dringende Fragen gab es keine eindeutigen Lösungen.

Keystone

Die Stimmung war ernst am 45. World Economic Forum (WEF) in Davos, das heute zu Ende geht. Sorgen über die wirtschaftliche und politische Entwicklung dominierten, aktuelle Ereignisse verstärkten das Unbehagen: die Geldschwemme in Europa, der Terror in Frankreich, die Wachstumsschwäche in China, der starke Franken in der Schweiz, das Pulverfass im Nahen Osten, etc.

WEF-Gründer Klaus Schwab hatte zu Beginn des Treffens gesagt, 2015 werde zum Schicksalsjahr. Nun entscheide sich, ob die Gesellschaft den Weg des Fundamentalismus gehe oder jenen der Integration und Stabilität. Diese Worte prägten den Geist von Davos.

Im Zusammenhang mit all diesen Problemen war auch viel die Rede vom schwindenden Vertrauen in die Entscheidungsträger. US-Präsident Barack Obama erwähnte das in seiner Rede zur Lage der Nation, Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in ihrer Eröffnungsansprache am WEF: «Nichts ist mehr Wert in der Politik als die Glaubwürdigkeit.»

Und damit schadet auch nichts stärker, als wenn die Glaubwürdigkeit beschädigt ist. Doch ist das Vertrauen zu Recht erschüttert? Objektiv gesehen: Nein. An den Hebeln der Macht sitzen nicht alles korrupte, selbstgefällige, egoistische Menschen – vielmehr bestätigen Ausnahmen die Regel, und diese Ausnahmen erhalten viel Aufmerksamkeit.

Ja, es gibt bankrotte Staaten, es kam zu Lohnexzessen, Libor-Manipulationen, Fehlentscheiden aller Art. Trotzdem sagte US-Aussenminister John F. Kerry gestern in seiner Rede zu Recht, dass die internationale Gemeinschaft Krisen viel besser bewältigt, als dies in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Einfache Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt

Das Problem liegt anderswo. Niemand hat mehr den Durchblick in einer immer komplexer werdenden Welt. Es scheint, als wachse uns alles über den Kopf. Bloss sagt das niemand. Was sind die Folgen der Geldschwemme durch die Europäische Zentralbank (EZB)? Wie bringt Europa die Arbeitslosigkeit weg? Was bedeutet der starke Franken? Wie kann die westliche Welt den Terror bekämpfen? Einfache Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Das aktuellste Beispiel: Ab März pumpt die EZB jeden Monat 60 Milliarden Euro ins System, total 1100 Milliarden, eine unvorstellbar hohe Summe. Unzählige Zeitungsseiten wurden dazu gefüllt, News-Sendungen produziert, Experten befragt – und doch hat niemand eine Antwort darauf, was hier passiert.

Ist die Massnahme nötig, ist sie wirksam? Die «Welt» kommentierte gestern am ehrlichsten: «Niemand weiss, wie sich diese geldpolitische Zäsur langfristig auf das Vertrauen in den Euro auswirken wird. Niemand kann sagen, wie sich die Geldflut später einmal zurückführen lässt, ohne dass neue gewaltige Verwerfungen an den Finanzmärkten entstehen.»

Auch in der Schweiz weiss niemand, welche Auswirkungen die Aufhebung des Euro-Mindestkurses haben wird, was es für Jobs und Löhne bedeutet. Und was wäre eigentlich passiert, wenn die Nationalbank den 1.20er-Kurs aufrechterhalten hätte und ihre Bilanz ins Unermessliche gestiegen wäre? Experten widersprechen sich, Top-Ökonom Thomas Straubhaar sagte der «Nordwestschweiz»: «Ich rufe unter den Ökonomen zu mehr Demut und Vorsicht auf. Das habe ich in der Finanzmarktkrise gelernt. Ich war überzeugt, dass es richtig und falsch gibt. Das hat sich relativiert. Heute sehe ich das nicht mehr so schwarz-weiss.»

In Zeiten der Unsicherheiten schlägt die Stunde der Populisten. Sie haben Erklärungen für alles – und einfache Rezepte. Sie sagen das, was viele hören möchten. Sie machen alle anderen für alles mögliche verantwortlich, sie verhöhnen die Institutionen und deren Vertreter. Wegen dieser Vertrauenskrise sind in Europa rechtsnationale Bewegungen auf dem Vormarsch, der Front National in Frankreich, Ukip in Grossbritannien, AfD in Deutschland.

Die Schweizerinnen und Schweizer sind zum Glück weniger anfällig für extremistische Strömungen. Sorgen wir dafür, dass das so bleibt. Klar, wir dürfen – ja müssen! – unsere Politiker und Wirtschaftsführer kritisch hinterfragen. Aber wir sollten von ihnen keine einfachen Antworten erwarten.

Wer nicht vorgibt, auf alles eine einfache Antwort zu kennen, verdient mehr Vertrauen als der, der für alles ein fixfertiges Rezepte bereit hält. Denn leider ist die Welt nicht so einfach, wie es uns lieb wäre.

christian.dorer@azmedien.ch