Analyse
Keine Ordnung ohne Polizist

Donald Trump hat den Europäern klargemacht, dass die Rolle als Weltpolizist den USA zu teuer ist. Die Analyse von Christoph Bopp zum Ende des «Westens», wie wir ihn lange zu kennen glaubten.

christoph bopp
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Während des zweitägigen Gipfels in Brüssel drohte der US-Präsident Donald Trump der NATO mit einem amerikanischen Alleingang in Verteidigungsfragen – dabei ging es um Geld.

Während des zweitägigen Gipfels in Brüssel drohte der US-Präsident Donald Trump der NATO mit einem amerikanischen Alleingang in Verteidigungsfragen – dabei ging es um Geld.

Keystone

Wie hat man doch gelacht, als der amerikanische Politologe Francis Fukuyama Ende des letzten Jahrhunderts «Das Ende der Geschichte» verkündete? Dabei war es doch nur die gängige Überzeugung zu Ende gedacht.

Der Sieg der liberalen Demokratie über – ja, über wen eigentlich? – alle alternativen Politik-Systeme, sagte man voreilig nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Paktes, müsste doch schliesslich in einen Zustand des demokratischen Friedens münden. Es ist verwirklicht, was sich Menschen erträumt und gewünscht haben: Freiheit, die Möglichkeit mehr oder weniger ungestörter Selbstverwirklichung, und Marktwirtschaft, die ein Optimum an Konsum und Wohlstand verspricht.

Wir sollten nicht lachen. Natürlich haben wir nicht alle so bedingungslos Hegel vertraut wie der unglückliche Professor Fukuyama. Aber die meisten haben an den Kern seines Gedankens geglaubt. Konkret: An den Fortschritt – bei Hegel kam das noch als wachsendes Bewusstsein der Freiheit daher, für uns Moderne als Trias von Freiheit, Demokratie und Markt. Und dies imaginierte man als den «Westen», als ein Bündnis, das auf gemeinsamen Werten beruht.

Werte und Interessen fielen historisch zufällig zusammen

Davon sollten wir uns, so mahnt der Politikwissenschafter Herfried Münkler in einem Beitrag im aktuellen «Merkur» (Juli 2018), «besser verabschieden». Immerhin gesteht er dieser Vorstellung zu, «eine Grundüberzeugung globaler Ordnungsentwürfe» gewesen zu sein. Aber dies sei nicht mehr als eine «nachträgliche Konstruktion» gewesen.

Ein historisch zufälliges Zusammenfallen der Interessen der USA und der westeuropäischen Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im strategischen Interesse der USA sei es durchaus gewesen, dass sich Westeuropa wirtschaftlich erhole, was nicht möglich gewesen wäre, wenn es unter sowjetische Kontrolle gekommen wäre.

Mit dem Marshall-Plan und unter dem Atom-Schirm stellte sich in Westeuropa Wohlstand ein. Aber dieser sei nicht Demokratie und Marktwirtschaft zu verdanken, sondern dem zufälligen Zusammenfallen von Werten und Interessen. Dass das Verhältnis fragil gewesen sei, habe sich schon in den Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg in Westeuropa in den 1960er-Jahren gezeigt. Da hätten Europäer gegen die «militärische Durchsetzung geopolitischer Imperative in Ostasien» protestiert.

Machtpolitik und Einflusssphären: Zurück ins 19. Jahrhundert?

Münkler argumentiert so im Hinblick auf «Eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa» – so der Titel seines Essays – und nicht, weil er sich im Triumph über die Rückkehr der Realpolitik über die idealistischen Illusionen lustig machen möchte. Mit dem Begriff des «Westens» hatte man immer etwas Mühe. Besonders wenn daraus gefolgert wurde, dass Deutschland oder Europa oder was auch immer «am Hindukusch» verteidigt werden müsste.

Realpolitisch bedeutet dies – auch das nichts Neues –, dass die Zeiten der hegemonialen Imperien vorbei sind. Wir hatten die Briten im 19. Jahrhundert und dann das Chaos, aus dem uns die Amerikaner gerettet haben. Das kann man in zweifacher Bedeutung lesen: Trump hat den Europäern unwiderruflich klargemacht, dass die USA nicht mehr gewillt sind, die Ordnung aufrechtzuerhalten, die nicht nur Europa Stabilität und Sicherheit gegeben hat. America first! Die USA brauchen die Europäer nicht mehr.

Die Rolle als Weltpolizist ist den Amerikanern schlicht zu teuer geworden. Warum sollen wir bezahlen, dass andere profitieren? Diese Einsicht hätten nicht nur die US-Bürger gehabt, sondern durchaus auch die anderer demokratischer Länder. Trumps Wahl liege dann in einer Reihe mit dem Brexit bis «zum obstruktiven Agieren der Visegrad-Staaten»: Wählermehrheiten hätten sich – völlig demokratisch – «gegen eine Investition in die Aufrechterhaltung grossräumlich angelegter Ordnungen» entschieden. Verweigerung des Projekts einer «expertokratischen Elite».

Die andere Lesart: Kehren wir jetzt zurück in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg? Als trotz ausgefeilter Bündnis- und Machtbalance die Schwäche des Weltpolizisten zu einem blutrünstigen Schlachten führte? Die USA machten nach 1918 nicht mit, die Welt neu zu ordnen. Es brauchte nochmals Millionen von Toten, um die Lektion zu lernen. Hat man sie bereits wieder vergessen?