Fidel Castro
Kein Platz auf dem Ofenbänkli

Die Frage nach dem historischen Gewicht von Fidel Castro, der heute neunzig wird.

Max Dohner
Max Dohner
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Fidel Castro in einer Aufnahme vom Juni 2014 (Archiv)

Fidel Castro in einer Aufnahme vom Juni 2014 (Archiv)

Keystone

Von Playa nach Mantilla kann man sich gottlos verirren. Trotz kurzer Distanz. Playa und Mantilla sind Vororte von Havanna. Nichts am Weg ist angeschrieben, GPS ein futuristischer Witz. In Playa wohnte ich; in Mantilla sollte ich Leonardo Padura treffen, den bekanntesten Schriftsteller Kubas. Pünktlichkeit garantierte nur ein einheimischer Fahrer: ein Privatmann im alten Strassenkreuzer. Er war bereit, für zwanzig Franken mich einen halben Tag lang zu chauffieren.

In aller Herrgottsfrühe wartete der Señor bereits neben seinem Chevy. Er hatte am Vorabend Karten konsultiert und den Wagen kontrolliert, um sicher zu gehen – auch darin, nicht abgefischt zu werden von der Polizei. Sein Anzug schien genauso alt wie der Chevy, aber einen Dienst erledigte man eben auch nach altem Stil. In Lateinamerika habe ich im Lauf von vierzig Jahren keinen taktvolleren, keinen seriöseren und pflichtbewussteren Mann gesehen. In jedem anderen Land, in jeder Firma würde man einen solchen Mitarbeiter vergolden, trüge ihn auf Händen ...

Leonardo Padura, der Schriftsteller, sprach von der Revolution, vom Scheitern und vom politischen Glauben. Den Glauben habe Kubas Jugend nicht mehr, die wolle nur noch Freiheit!, Freiheit! – vornehmlich eine hedonistische. Der implizite Tadel war nicht zu überhören. Padura ist weder Dissident noch linientreu. Er bedauert den Verlust des politischen Glaubens, phasenweise so melancholisch, dass man sich fragt, ob im politischen Glauben nicht bereits der Grund des Scheiterns stecke? Politik sollte nie Gegenstand des Glaubens werden, noch viel weniger politische Führer. Wie Ché oder Fidel.

Der Comandante und sein Märtyrer wurden Glaubensfiguren. Geht das mit Chés Anbetung weiter, hat er das Zeug, nach Jesus bald auch noch Elvis und Mutter Teresa unter einem Béret zu vereinen. Chés Ikone sieht man vielenorts in Kuba, teils haushoch. Von Fidel sind wenige Poster zu sehen. Der Mann betreibe eben keinen Personenkult, sagen Fidelistas. Das ist erneut zu fromm gedacht: Fidel betrieb durchaus Personenkult. Nicht den Kitsch, der Stalin glorifizierte und mit Kim Il Sung Wagnersche Genialität erreichte, sondern cooler: Zigarre, Uniform, Bart, Hütte in der Sierra – so geriet jeder Fidel-Doku irgendwie hemingwayisch zum Revoluzzer-Cinemascope. Oliver Stone ahmte das filmisch spät nach; Castro liess auch ihn nebenhertraben wie ein Apportier-Lumpi. Sogar als Greis machte Fidel noch eine Kluft zum Kult: den Adidas-Trainer, schräger noch als Boris Becker.

Aber was ist mit Castros Gewicht, seinem historischen Stellenwert? Von sich selber behauptete Fidel schon 1953, als junger Rebell gerade zu Gefängnis verurteilt: «Die Geschichte wird mich freisprechen!» Ist ihm die Geschichte gnädig, nun, da der Comandante mit seinem in der Luft eingefrorenen Moralfinger neunzig ist? Seine gefürchteten «Reflexiones» sind versiegt – gefürchtet wegen ihrer gähnenden Langeweile. Reflexionen, die vor kurzem noch in Kubas Tagesschau integral vom Blatt gelesen wurden, inklusive Datum, Stunde und Unterschrift. In einem seiner seltenen Auftritte zeigte sich Fidel neulich gerührt über das nervenheilende Wesen von Delfinen. So einer kriegt auf der Ofenbank der Geschichte doch ein warmes Plätzli ... nicht?

Blenden wir zurück nach Mantilla, zum Herrn, der uns gefahren hatte. Auf dem Weg zurück fragte ich ihn über sein Leben aus. Der Mann war Ingenieur gewesen. Weil er in Playa lebte, an der Küste, ging er gern fischen. Da zog sich auf See eines Tages alles zu einem Gedanken zusammen: Boot, Motor pimpen, fliehen. Er kam nicht weit, wurde aufgefischt und wanderte für Jahre ins Gefängnis. Aus dem Gefängnis entlassen, hatte er keine Chance mehr: Berufsverbot, Arbeitsverbot, Mittellosigkeit. Dabei hatte er es nur zu früh versucht. Hunderttausende flohen später auf jedem Korken von Floss Richtung Florida; alle konnte man nicht länger einsperren.

Ein stiller Mann wurde lautlos erstickt, Tag für Tag, 57 Jahre lang. Das Licht hat man ihm nicht ausgeblasen, hat ihn nur in den Schatten gestellt. Einen Mann voller Humanität, Fähigkeit und Stil, kein Feind, vom Starrsinn eines Starrkopfs geschlagen wie ein Hund. Wäre es auch nur dieser Mann ... aber es waren zwei: Seinem Sohn wurden fortan auch alle Türen zugesperrt. Und wären es nur zwei ... Daran misst sich Grösse und Gewicht: Was einer anderen antut ...

Nein – die Geschichte spricht Fidel niemals frei.

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