Amy Bollag
Kein Pardon

Amy Bollag ist 1924 an der Bruggerstrasse in Baden geboren. Über seine Erinnerungen an das Leben in der Stadt schreibt er regelmässig im Badener Tagblatt.

Amy Bollag
Amy Bollag
Merken
Drucken
Teilen

Mit klopfendem Herzen stand ich mit Vater vor dem deutschen Zollhaus in Gailingen. Es war Freitag, im Hochsommer des Jahres 1935. Auch ein kleiner Junge wie ich wusste damals schon, wie wenig wert ein Jude in Deutschland war. Schon der Weg über die alte Holzbrücke zwischen Diessenhofen und Gailingen kam mir wie ein Gang ins Unheimliche vor. Aber da Tante, Onkel und Kinder drüben wohnten, freute ich mich doch auf die Ferientage.

Eine steile Strasse führt von der Rheinbrücke ins Dorf hinaus. Eine Gruppe SA-Leute in ihren braunen Uniformen marschierte an uns vorbei. Ein schreckliches Lied sangen sie zu einer bekannten Melodie: «Zwei Juden baden im Bosporus, weil jedes Schwein mal baden muss, der eine ist ersoffen, vom andern wollen wir’s hoffen.» Die Familie meines Onkels hatte in Frankfurt gewohnt, sie kamen nur an die Schweizer Grenze, um bei Gefahr möglichst schnell in die Schweiz zu flüchten. Aber ich sah, dass niemand an das Schlimme glauben wollte. Der Spruch, es wird nicht so heiss gegessen wie gekocht, war in vieler Munde. Leider.

Wir kamen zum Brunnen, der in der Dorfmitte stand. Er war umringt von SA-Leuten, die dort ihre Stiefel wuschen. Endlich in der Wohnung des Onkels, kam ich mir wie in einem Refugium vor. Die erste Nacht war unheimlich, fremde Glockentöne und dunkel, da die Strasse nicht beleuchtet war. Am Morgen gingen wir in die nahe, schön gelegene Synagoge. Man betete, wie wenn draussen nicht das böse Unheil lauerte. Ein Mann hinkte herein und setzte sich neben uns. Nach dem Beten erzählte er, dass er Bloch heisse, er habe seit dem Ersten Weltkrieg eine Gewehrkugel im linken Bein, die ständig wandere und immer Schmerzen verursache, nur mit dem Stock könne er gehen. Auch das Eiserne Kreuz habe er bekommen Er meinte, ihm würden die Nazis sicher nichts antun.

Noch einige Male, bis 1938, kam ich nach Gailingen. Beim letzten Mal war der Gailinger Rabbiner Borer schon ins Konzentrationslager verschleppt worden, von wo er nicht mehr zurückkehren sollte. Er war ein senkrechter und feiner Mensch mit einer grossen Kinderschar gewesen. Niemand ist Auschwitz entronnen. Kriegsverwundung, Eisernes Kreuz und nahe Schweizer Grenze – nichts half, es gab kein Pardon.