Christliche Werte
Junge, lest die Bibel!

Die Bibel als Pflichtlektüre? Kolumne über christliche Werte in der heutigen Zeit.

Peter Rothenbühler
Peter Rothenbühler
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Die Bibel.

Die Bibel.

Keystone

Zufällig letzte Woche zwei fast gleiche Erlebnisse: am Tisch mit jungen Intellektuellen, die Literatur, Linguistik und Geschichte studieren, plötzlich die Frage: «Was steht eigentlich im Neuen Testament? Der Professor hat da so eine Anspielung gemacht», beim einen. «Was ist eigentlich mit diesem Spruch: Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott?», beim andern. «Was, ihr kennt die Bibel nicht? Habt Shakespeare, Goethe, Dante, Sophokles, Montaigne gelesen und wisst nicht einmal, was Johannes 1, 1 aussagt?», war meine Antwort.

Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Für mich, den Alt-Achtundsechziger, war doch absolut klar, dass für jeden, der sich mit Literatur und Geistesgeschichte unserer europäischen Welt auseinandersetzt, die Bibel eine eminent wichtige, unumgängliche Quelle ist – auch wenn man nicht gläubig oder gar religiös verblendet ist. «Komm mir nicht mit der Bibel, das ist reaktionäres Zeug, schau mal, was die Päpste daraus machen. Und diese Hurra-Evangelikalen, immer die Bibel in der Hand. Und sind gegen Sex vor der Ehe, machen Hatz auf Homosexuelle und verfolgen Ärzte, die abtreiben. Nein, danke!» So lautete die eindeutige Antwort der beiden jungen Menschen, und zwar völlig unabhängig voneinander. So weit sind wir heute. Wegen all der Missbräuche der kirchlichen Institutionen und der Verfehlungen und Irrungen militant Gläubiger und Sektierer hüben und drüben, die die zweitausend Jahre alten «heiligen Schriften» wie eine Hausordnung, wie ein Betty-Bossi-Rezept aufs Leben applizieren wollen, verbieten sich heute kluge junge Leute, überhaupt in die Bibel reinzuschauen. Sind junge Leute, wenns um christliche Werte geht, zu freiwilligen Analphabeten geworden.

Jesus, sagten wir damals, war der erbittertste Kirchenkritiker

So weit musste es noch kommen, dass ich, der Atheist, der schon früh für die Trennung von Kirche und Staat war, diesen intelligenten Zeitgenossen erklären musste, dass sie auf dem Holzweg sind, dass die Bibel, ob man gläubig ist oder nicht, das Buch der Bücher ist und praktisch das gesamte Wertesystem der heutigen demokratischen Staats- und Rechtsordnung zurückgeht auf die zehn Gebote und auf die von Jesus Christus verkündeten revolutionären Prinzipien und Werte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verzeihung und vor allem die Gleichwertigkeit aller Menschen. Dass die biblischen Geschichten und Gleichnisse von einer zeitlosen Gültigkeit sind, die das Herz erfreuen. Dass wir in den Siebzigerjahren sogar die Hoffnung hatten, dass sich die hehren Ziele des Sozialismus auch mit der Bibel in der Hand verteidigen lassen, nicht als Opium fürs Volk, sondern als eine der ersten aufklärerischen Schriften überhaupt. Jesus war kein Kirchengründer, sagten wir damals, nein, er war der erbittertste Kirchenkritiker, er hätte auch den Vatikan schleifen lassen. Das waren Zeiten! Letztlich beruhen auch die Prinzipien der Französischen Revolution «Liberté, Egalité, Fraternité» auf den Lehren Jesu.

Ein bisschen intelligente Sonntagsschule würde den Jungen guttun

Aber bin ich denn ein Sonntagsschullehrer? Nein, um Gottes Willen. Meiner hat damals einen interessanten Vergleich gefunden für das Volk von Goliath, die Philister. «Kinder, die Philister, die waren schlimmer als die schlimmsten Jurassier!» Das ist mir eingefahren, ich bin im Jura geboren ... Nein, ich bin kein Sonntagsschullehrer, aber ein bisschen intelligente Sonntagsschule würde den heutigen jungen Menschen guttun. Sonst meinen sie noch, an Ostern sei ein Schoggihase auferstanden.

Sicher ist, dass der freiwillige Verzicht auf das Erzählen der biblischen Geschichte aus einer gut gemeinten weltanschaulichen Neutralität heraus und aus Toleranz gegenüber der religiösen Diversität nur eine Konsequenz hat: Die Lücke füllen andere. Damit meine ich nicht nur den militanten Islam. Schaut mal, welche Philosophie-, Religions- und Lebenshilfe-Bücher vom weiblichen Publikum massenhaft gekauft und gelesen werden. Buddhismus, asiatische Ware. Bei Plastik, Elektronik und trockenen Pilzen, sagen sie, oh nein, das ist made in China,
bei der Philosophie ist es ihnen egal, da sind sie plötzlich nicht mehr «locavore », nicht mehr für hiesiges Gewächs, hiesige Wertarbeit. Junge, lest einfach mal die Bibel! Aber bitte, mit Köpfchen. Es ist kein Rezeptbuch. Dann diskutieren wir weiter über Literatur.

Der Autor, Journalist und Editorial Designer war Chefredaktor von «SonntagsBlick», «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin». Er lebt in Lausanne und Paris.

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