Kolumne
Ist ziviler Dienst weniger wert?

Georg Kreis
Georg Kreis
Merken
Drucken
Teilen
Der Zivildienst ist unter Beschuss gekommen.

Der Zivildienst ist unter Beschuss gekommen.

Der Zivildienst ist unter Beschuss gekommen. Geschossen wird aus einer Kombination von Motiven. Zum einen ist es die vielleicht echte Sorge um die Armeebestände. Dies, obwohl man 15 000 Wehrmänner in der letzten Präsentation übersehen und jetzt wiederentdeckt hat. Und obwohl mit der Verwesentlichung der Armee die Bestände eigentlich reduziert werden sollten, auf rund 100 000 Mann (und Frauen), nachdem das schweizerische Heer auch schon aus über einer halben Million Dienstleistenden bestanden hat.

Das andere und diskutablere Motiv hat seine Würzelchen im wieder strammer werdenden Zeitgeist. Wie in anderen Bereichen (in Lehrplänen, in der Geschlechterordnung, im Einbürgerungswesen, in den Assimilationserwartungen, im Klimaschutz, im Evolutionsverständnis etc.) soll auch hier das Rad der Geschichte beziehungsweise der Einsichten zurückgedreht werden.

Zivildienst wird als Gefährdung der traditionellen Wehrhaftigkeit gesehen, als eine falsche Konzession an eine abzulehnende Mentalität, die sich Hierarchien entziehen und nach eigenem Gutdünken verantwortlich handeln will. Dabei wird der Militärdienst im guten Sinn als hart und wird der Zivildienst im unguten Sinn als weich verstanden. Diese Einordnung setzt sich dem Verdacht aus, dass es offenbar härter sein könnte, sich einem in manchen Teilen unsinnigen Dienstbetrieb auszusetzen, als einen offensichtlich sinnvollen Zivildienst als Pfleger in einem Altersheim, als Forstarbeiter in einem Bannwald oder, was schon etwas fragwürdiger ist, als Ordnungskraft bei einer Grossveranstaltung zu leisten.

Um den angeblich «weichen» Dienst gleichgewichtig mit dem «harten» Dienst zu machen, ist er um die Hälfte länger angesetzt worden. Da dies offenbar zu wenig abschreckt, gibt es Stimmen, die ihn nun verdoppeln wollen. Und andere wollen, dass bisher geleisteter Militärdienst von «Überläufern» oder «Abschleichern» zum Zivildienst nur noch zur Hälfte angerechnet wird. Diese spezielle Kategorie – neben denjenigen, die sich von Anfang an für den Zivildienst entschieden haben – ist ein besonderes Ärgernis, weil der Wechsel zu Recht als Indiz für schlechte Erfahrungen im erlebten Militärdienst verstanden werden muss.

Gegen die für die Armee sicher ärgerlichen Abgänge in den Zivildienst wird auch ins Feld geführt, dass damit die für ehemalige Rekruten geleisteten Ausbildungsinvestitionen verloren gingen. Dieses plötzliche und unverhältnismässige Kostenbewusstsein zeigt, in welchem Argumentationsnotstand sich die Zivildienstgegner befinden.

Zivildienst ist aus der harten Problematik der im radikalen Pazifismus gründenden Dienstverweigerung aus Gewissensgründen hervorgegangen. Da heute richtigerweise von Gewissensprüfungen abgesehen wird, ist die Option für den einen oder den anderen Dienst zu einer lockeren Frage nach dem Sinnvolleren und ein wenig auch zu einer Lifestyle-Frage geworden. Im Umgang mit der Dienstpflicht geht es nicht nur um die Berücksichtigung individueller Wünsche. Rücksichtnahme auf grundsätzlich gleichwertige Grundoptionen ist, anders als etwa in Eritrea, auch ein zentrales Prinzip westlicher Gesellschaften.

Dahinter steht aber eine ernstere und durchaus begrüssenswerte Entwicklung: das Männerbild wandelt sich, es beschränkt sich nicht mehr auf das traditionelle Verständnis des «starken Mannes». Das Wahrnehmen von Care-Funktionen etwa auf einer Nachtwache bei dementen Menschen erscheint da nicht als schwächere Leistung im Vergleich zu Nachtmärschen mit Vollpackung.

Die Armee profitiert nicht mehr von einem vorgegebenen Obligatorium, sie muss, beinahe werbend, überzeugen können, dass Militärdienst sinnvoll ist. Militärdienst? Jetzt ist in der Werbesprache vorzugsweise von Bevölkerungsschutz die Rede. Man sollte, wenn’s um Militärdienst geht, beim traditionellen Wort der im Ernstfall nötigen Landesverteidigung bleiben. Die Notwendigkeit einer Armee ist überhaupt nicht infrage gestellt, es sind vielmehr gewisse Elemente des Dienstbetriebs. Es schadet der Armee überhaupt nicht, dass sie, dem liberalen Credo entsprechend, dem Wettbewerb ausgesetzt ist und kein Dienstmonopol mehr hat.