Prügelattacke
Ist die Empörung über Christian Constantin heuchlerisch? – das Pro und Kontra

Sion-Präsident Christian Constantin erträgt die Kritik von Teleclub-Experte Rolf Fringer nicht. Er traktierte deshalb vergangene Woche Fringer mit Schlägen und verklagte ihn danach sogar. Nun will die Swiss Football League reagieren. Ein Entscheid steht noch aus. Christian Constantins Verhalten polarisiert im In- und Ausland.

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Christian Constantins Angriff auf Rolf Fringer polarisiert im In- und Ausland. Ist die Empörung über den FC Sion-Boss gerechtfertigt? Diskutieren Sie mit!

Christian Constantins Angriff auf Rolf Fringer polarisiert im In- und Ausland. Ist die Empörung über den FC Sion-Boss gerechtfertigt? Diskutieren Sie mit!

KEYSTONE/VALENTIN FLAURAUD

PRO: Die Empörung über Constantin ist heuchlerisch und verlogen

Mit seinen Ohrfeigen an Fringer hat Sions Constantin ein Problem auf eine unbeholfene, aber ehrliche und offene Weise thematisiert.

Ich bin ein Gegner von Gewalt. Und ein absoluter Gegner von Gewalt gegen Frauen, Kinder, Wehrlose. Aber ich bin auch gegen Heuchelei.

Führen wir uns vor Augen, was passiert ist. Ein 60-Jähriger ohrfeigt einen anderen 60-Jährigen mitten in einem Fussballstadion, vor Zeugen und laufenden Kameras. Von Mann zu Mann. Constantin schickte Fringer im Vorfeld sogar noch eine SMS: «Mein Lieber, ich lasse Dir Deine Unhöflichkeit nicht mehr durch. Deine Unehrlichkeit bringt mich zur Verzweiflung. Noch ein Wort gegen mich, und du bekommst wirklich Schwierigkeiten. Und ich mache wirklich keinen Spass. CC. Ich habe nie ein Wort über dich gesagt.» Aber Fringer teilte locker vom Studiohocker weiter aus gegen Constantin: Narzisst, Stuss, lächerlich.

So begab sich Constantin zu Fringer und ohrfeigte ihn. Fringer, offenbar ein Maulheld, suchte das Weite, fiel auf den Hintern. Der robuste Ex-Spitzensportler und zuletzt dramatisch erfolglose Trainer war nicht Manns genug, für seine herablassenden Worte geradezustehen und sich dem Walliser entgegenzustellen.

PRO: Henry Habegger, Inlandredaktor

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Alex Spichale

Constantin hat auf etwas archaische und hilflose, aber simple und ehrliche Weise ein Problem auf den Tisch gebracht. Dass einige Pausen-Schlaumeier glauben, sich alles erlauben zu können auf Kosten Abwesender. Zum Gaudi des Publikums und unter Applaus von befreundeten Zürcher Sportjournalisten und Bezahl-TV-Funktionären.

Dass gewisse Medien einen gut bezahlten TV-Gast nun auch noch als «Journalist» bezeichnen, zeugt von einem jämmerlich schiefen Selbstverständnis.

Gewalt am TV, schreien einige nun auf, und: Schlechtes Vorbild. Nur: Wie ist das mit der alltäglichen TV-Gewalt, mit den Schlägereien, Morden, Vergewaltigungen? Mit den Killerspielen? Von der verbalen Gewalt in den Kommentarspalten der Online-Medien ganz zu schweigen.

Constantin wird bestraft werden, das ist richtig. Aber wenn nun die, die aus den Bildern von Constantins Aktion Profit schlagen, Skandal schreien, ist das heuchlerisch und verlogen. Es wäre stattdessen an der Zeit, sich ein paar Gedanken über das eigene Verhalten und die Brutalitäten der verwöhnten Spassgesellschaft zu machen. Und wir sollten Constantin für diesen Denkanstoss danken.

KONTRA: «Hätte sich Constantin doch kalt lächelnd zurückgehalten»

Einen Beleidiger zu schlagen, ist Selbstjustiz und verboten. Das wird bestraft, aber Zurückhaltung hätte ihm Achtung und Beifall eingebracht

Bleiben wir nüchtern. Dass Constantin Fringer eins aufs Maul gibt, wenn er sich beleidigt fühlt, mag verständlich und nachvollziehbar sein. Allerdings ganz so emotional, wie man es beim Video-Gucken erlebt, war die Aktion offenbar nicht. Auf «Handeln im Affekt» kann sich Constantin nicht berufen. Er tat das allerdings auch gar nicht.

Mich erinnert Constantins Tat an den Kopfstoss von Zinedine Zidane gegen seinen Beleidiger Materazzi im WM-Final 2006. Auch da – ich gestehe es – war dieses «Archaische», dass es da darum geht, eine Ehre zu verteidigen, zu spüren. Aber dies taugt nur bedingt als Entschuldigung.

Worum geht es? Es geht um den Unterschied, den der Sport macht. Der Sport sollte eben «anders» sein. Anders als die gesellschaftliche Realität. Er wurde zwar erfunden, weil die Sprösslinge der englischen Oberschicht auf ein hartes Leben als Kolonialherr vorbereitet werden sollten. Aber in der Idee war immer schon enthalten, dass der Sport das Andere der Gesellschaft ist. Nicht die Fortsetzung des sozialen Kampfs mit anderen Mitteln. Kampf soll sein, aber in Grenzen, mit Regeln.

KONTRA: Christoph Bopp, Autor

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Nordwestschweiz

In der Erfindung des Sports haben die Engländer auch den Begriff der Fairness unter die Leute gebracht. Dass die Arena oder das Spielfeld, wo das sportliche Spiel betrieben wird, einen Geist beherbergt – oder beherbergen kann. Es gibt Regeln, in den Anfangszeiten spielte man Fussball übrigens ohne Schiedsrichter, und das bei brutaleren Regeln als heute, die man respektiert, einfach um des Spieles willen. Hier ist gegeben, was in der sozialen Realität sich nur selten ereignet: dass moralisches Wohlverhalten belohnt wird – auf Erden, denn dass Gott alles sieht, nützt einem manchmal hienieden nicht viel.

Constantin hat Selbstjustiz betrieben. Ist verboten und wird moralisch und wohl auch juristisch sanktioniert. Er wird das verkraften können. Schlimmer aber ist, dass er gegen den Geist des Sports gehandelt hat. Wie immer, wenn sich zwei streiten, fragt man: Wer hat angefangen? Materazzi und wohl auch Fringer waren Beleidiger. Was sie taten, war auf jeden Fall nicht fair. Man hätte es sich bei Zidane gewünscht – ich hätte das auch einem Constantin gegönnt –, dass sie den Beleidiger kalt lächelnd abserviert hätten. Unter grossem Beifall des Publikums.