Polemik
Ist da noch frei?

Tommaso Manzin
Tommaso Manzin
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Passagiere in einem SBB-Zug.

Passagiere in einem SBB-Zug.

Keystone

Fast so, wie man sich hier um die Mittagszeit «en Guete» wünscht, auch wenn man schon gegessen hat, gehört es sich im Schweizer öV, zu fragen, ob noch ein Platz frei ist, bevor man sich setzt. Auch wenn man sieht, dass er frei ist. Was daran krumm ist? Nichts. Gute Schweizer Höflichkeit. Es wäre eine bessere Welt, wenn das überall so wäre. Und wenn da nicht diese diabolische Antwort wäre: Nein, da kommt noch jemand.

Wenn er diese Phrase auch nur ansatzweise hört, tut der helvetisch konditionierte Fahrgast das, was von ihm erwartet wird: Er geht weiter. Nur dem Kampf-Pendler dämmert irgendwann die Frechheit dieser «Reservation». Sie ist keine. Hier wird nur ausgenutzt, dass Otto Normalzugfahrer verständnisvoll lächelt, wenn selbst ernannte Reservatoren ohne rot zu werden ansagen, der rechtmässige Anwärter auf den Platz komme irgendwann noch.

Freunde des gepflegten Pendelns: Wenn jemand fragt, ob da ein Platz frei ist, weil da niemand sitzt, dann ist das nur eine nette Art mitzuteilen, dass er sich da hinsetzen will. Sollte der Platz wirklich nicht bloss durch den Phantom-Fahrer der Zukunft besetzt sein, bitte mit der Reservation wedeln. Und lächeln, immer lächeln.

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